
Der Nebel hing noch tief über der Saale, als ich mich neulich mit Familie M. auf der Peißnitzinsel traf. Es war einer dieser kühlen Morgen im Mai 2026. Die Luft roch nach feuchter Erde und dem ersten Flieder aus den Gärten in Kröllwitz. Meine alte Sony Alpha 6000 – immer noch die treue Begleiterin aus Burg-Zeiten – fühlte sich fast zu kalt an in meinen Händen. Kein Blitz im Rucksack. Nur das diffuse, milchige Licht, das durch die Wolken sickerte. Wie eine erste, ganz zarte Lavierung auf einem frischen Bogen Aquarellpapier.
Das Licht bändigen, nicht erschlagen
In meinem Atelier im Paulusviertel verbringe ich Stunden damit, Lichtkanten mit dem iPad-Stift zu setzen oder Schatten mit verdünnter Tusche zu vertiefen. Wenn ich draußen fotografiere, ist das Licht schon da. Ich kann es nicht kontrollieren wie eine Farbmischung auf der Palette, aber ich kann entscheiden, wie ich darauf reagiere. Viele denken, man braucht für professionelle Porträts diese riesigen Softboxen und Blitze, die alles hell machen. Aber für mich ist ein Blitz wie ein harter Radiergummi. Er löscht die Atmosphäre aus. Er radiert die kleinen Geheimnisse weg, die in den Schatten einer Saale-Aue lauern.
Wenn ich heute Familien begleite, suche ich das Licht, das Geschichten erzählt. Das Streiflicht, das durch die hohen Fenster einer Altbauwohnung im Paulusviertel fällt. Oder den harten, ehrlichen Schatten unter einer alten Eiche in der Dölauer Heide. Es geht um die Textur. Ein Blitz macht die Haut oft glatt wie eine Vektorgrafik. Ich will aber die Poren sehen, die feinen Härchen, die im Gegenlicht leuchten, den echten Moment. In meinen Illustrationen arbeite ich Schicht für Schicht. In der Fotografie versuche ich, die Schichten der Realität nicht mit künstlichem Licht zu überdeckeln.

Warum ich die Studio-Perfektion aufgegeben habe
Erinnert ihr euch an meinen Abbruch des Lightroom-Kurses nach Modul 4? Das war im Frühjahr 2024. Der Dozent sprach ständig von technischer Perfektion und Histogrammen, die genau in der Mitte liegen müssen. Ich saß an meinem MacBook und dachte nur: Aber wo ist das Gefühl? Ein perfekt ausgeleuchtetes Bild ist oft ein totes Bild. An der Burg Giebichenstein habe ich gelernt, dass die Linie leben muss. Sie darf zittern. Ein Foto darf rauschen, wenn die Emotion stimmt.
Diese Woche hatte ich ein Shooting in einem Hinterhof am Steintor. Die Wände waren grau, das Licht kam nur von oben, fast wie in einem Brunnen. Technisch gesehen ein Albtraum. Aber durch den Verzicht auf Blitze musste ich mich bewegen. Ich musste den Winkel suchen, in dem das Licht die Wangenknochen der Kinder nur ganz sanft berührt. Das ist wie beim Skizzieren: Man sucht die Form, bis sie passt. In Lightroom habe ich später gemerkt, dass dieser intuitive Ansatz viel mehr Zeit braucht, wenn man kein System hat. Deshalb nutze ich inzwischen Presets als meine Grundierung. Es ist faszinierend, wie sehr sich die Bearbeitung anfühlt wie das Mischen von Farben. Ich habe dazu neulich erst aufgeschrieben, wie ich Bilder bearbeiten wie gemalt angehe, um diesen weichen Look zu bekommen.
Schatten sind keine Fehler, sondern Anker
Ein großer Wendepunkt in meinem Lichtbildlabor-Tagebuch war der Moment, in dem ich aufhörte, gegen harte Schatten zu kämpfen. Letzten März, bei einem kleinen Fest in einem Garten in Glaucha, knallte die Mittagssonne. Früher hätte ich Panik bekommen. „Zu hart!“, „Zu viel Kontrast!“. Aber dann dachte ich an meine Tusche-Arbeiten. Schwarz ist nicht leer. Schwarz gibt dem Licht erst seine Kraft. Ich habe die Familie direkt in den Schattenwurf einer alten Backsteinmauer gesetzt.
Das Ergebnis war kein flaches „Happy-Family-Foto“, sondern etwas mit Kante. In Lightroom habe ich die Tiefen nicht einfach hochgezogen, bis alles grau-matschig war. Ich habe sie stehen gelassen. Ein bisschen Klarheit dazu, fast so, als würde ich die Konturen mit einem 0.3er Fineliner nachziehen. Schatten geben dem Gesicht eine Topografie. Ohne sie wirkt alles wie ein flacher Sticker. Wenn man sich zwischen verschiedenen Stilen nicht entscheiden kann, hilft es oft, das Bild erst mal nur in Schwarz-Weiß zu betrachten, um die Lichtführung zu verstehen. Ich schwanke da oft, ob ein Moody vs Natural Look besser zum jeweiligen Charakter der Familie passt.

Der Workflow am MacBook zwischen Tee und Skizzen
Nach einem Shooting ziehe ich mich in mein Atelier zurück. Der MacBook-Bildschirm ist mein Lichttisch. Ich fange nie mit der Schärfe an. Ich fange mit der Tonalität an. Ist es ein warmer Nachmittag an der Saale oder ein kühler Vormittag am Galgenberg? Der Weißabgleich ist mein wichtigster Pinsel. Ich verschiebe ihn oft in Extreme, nur um zu sehen, was passiert. Genau wie ich beim Aquarellieren manchmal zu viel Wasser nehme, um zu schauen, wohin die Farbe fließt.
Was ich als Illustratorin an Lightroom erst lernen musste: Die Regler sind keine starren Gesetze. Der „Lichter“-Regler ist mein Radiergummi für zu helle Stellen, die „Tiefen“ sind meine Lasur. Ich habe gelernt, dass ich nicht jedes Foto retten muss. Manche Bilder sind einfach Skizzen, die nicht fertig werden sollen. Von 200 Aufnahmen bleiben vielleicht 15 übrig, die wirklich diese Seele haben. Diese 15 bearbeite ich dann aber mit einer Hingabe, als wäre jedes ein Cover für ein Kinderbuch. Ich nutze dabei oft Lightroom Presets statt Photoshop Ebenen, weil es den Fluss nicht unterbricht. Ich will im Bild bleiben, nicht in der Technik versinken.
Kleine Checkliste für Licht-Suchende (ganz ohne Blitz):
- Die Lichtkante finden: Schau, wo das Licht das Motiv vom Hintergrund trennt. Eine helle Hauswand im Paulusviertel kann Wunder wirken.
- Farbe des Lichts spüren: Das blaue Licht kurz vor dem Sonnenuntergang an den Saale-Wiesen braucht eine ganz andere Tonalität in Lightroom als das gelbe Licht einer Küchenlampe.
- Mut zum Rauschen: Wenn es dunkel wird, zieh die ISO hoch. Die Körnung wirkt oft wie die Struktur von grobem Büttenpapier.
- Natürliche Reflektoren nutzen: Ein heller Sandweg, eine weiße Wand, sogar ein helles T-Shirt – alles ist besser als ein künstlicher Blitz von vorne.

Das Unvollkommene als Ziel
Am Ende des Tages, wenn ich im Atelier-Café sitze und die fertigen Bilder exportiere, merke ich immer wieder: Die schönsten Fotos sind die, bei denen das Licht nicht perfekt war, aber die Geste echt. Das Kind, das im Schatten der Weiden an der Saale stolpert und lacht. Die Mutter, die ihr Gesicht kurz in die kühle Brise hält. Kein Studio-Blitz hätte diesen Moment so einfangen können, ohne ihn zu zerstören. Es ist wie eine Linie, die man aus dem Handgelenk zieht – sie ist vielleicht nicht schnurgerade, aber sie hat einen Rhythmus. Und genau diesen Rhythmus suche ich jede Woche neu in meinem Lichtbildlabor. Es ist ein Prozess, ein Suchen, ein Fühlen. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum meine Bilder am Ende mehr nach Illustration und weniger nach Katalog aussehen.