
Das rhythmische Rattern der Straßenbahnlinie 7 vor dem Atelierfenster, während der Mauszeiger zögerlich über den Sättigungsregler gleitet. Draußen dämmert es im Paulusviertel. Auf meinem MacBook liegen die RAW-Dateien vom Shooting an den Saale-Wiesen — blass, flach, irgendwie unlebendig. Daneben auf dem iPad leuchtet meine aktuelle Kinderbuch-Illustration. Tiefes Kobaltblau, weiche Verläufe, eine klare Lichtkante. Der Kontrast schmerzt. Warum fühlen sich die Fotos so technisch an, während meine Zeichnungen atmen?
Ich erinnere mich an den 15. Januar 2026. Ich saß hier, starrte auf das Histogramm und dachte: Warum sieht das Histogramm aus wie ein Gebirge, das ich gar nicht besteigen will? Ich will doch nur, dass das Blau so tief ist wie meine Lieblingstusche. Ich hatte mir diesen Adobe Lightroom Komplettkurs gekauft. Zwölf Module. Nach Modul 4 habe ich abgebrochen. Lineare Curricula sind nichts für mich. Ich brauche keine Theorie über Farbräume, ich brauche Gefühl auf der digitalen Leinwand. Hier sind meine fünf Erkenntnisse, wie man den Illustrator-Blick in die Fotografie rettet, ohne an Reglern zu verzweifeln.
1. Presets als Grundierung verstehen
In der Aquarellmalerei lege ich zuerst eine Lasur an. Eine Basis. Genauso mache ich es jetzt mit meinen Fotos. Am 12. März 2026, bei dem Shooting mit der kleinen L. an der Saale, kam der Heureka-Moment. Ich habe ein 'Moody'-Preset auf ein lachendes Kind angewendet. Eigentlich widersprüchlich? Nein. Plötzlich hatte das Bild Charakter. Es fühlte sich nach Tusche an, nicht nach Katalog.
Vergiss das endlose Schieben von Einzelreglern am Anfang. Such dir ein Preset-Paket, das deine Ästhetik spiegelt. Für mich funktionieren 'Cinematic' und 'Natural' am besten. Es ist wie die Wahl des Papiers — die Textur muss stimmen, bevor die erste Linie gezogen wird. Früher habe ich pro Foto etwa 25 Minuten gebraucht, um mühsam manuell alles hinzubiegen. Heute sind es durch die Preset-Basis und intuitive Korrekturen nur noch 4 Minuten. Bei einer Serie von 30 Fotos spare ich so 630 Minuten. Das sind über 10 Stunden, die ich lieber am Zeichentisch verbringe.
2. Die radikale Reduktion der Sättigung
Hier kommt mein wichtigster Trick, der eigentlich aus der Illustration stammt: Echter Stil entsteht nicht durch Filter, sondern durch die radikale Reduktion der Sättigung in den Grundfarben. RAW-Dateien sind oft 'giftig' bunt. Besonders das Grün der Peißnitzinsel im Frühling. Ich gehe gezielt in das HSL-Panel und ziehe die Sättigung von Grün und Gelb weit nach links.
Ich will keine Realität abbilden, ich will eine Stimmung malen. Wenn die Primärfarben zurücktreten, bekommt das Bild diesen matten, fast gedruckten Look. Es erinnert an alte Lithografien. Ich habe dazu neulich in einem Eintrag darüber geschrieben, warum ich meine Frühlings-Shootings an der Saale jetzt anders editiere, um genau dieses knallige Grün loszuwerden.
3. Klarheit ist der Feind des Weichen
In meinen Illustrationen nutze ich weiche Verläufe. In Lightroom ist der 'Klarheit'-Schieber oft die größte Versuchung. Aber Vorsicht: Zu viel Klarheit macht die Haut dreckig und die Kanten hart wie Draht. Für den Illustrator-Style bewege ich den Regler oft sogar leicht ins Minus. Das erzeugt einen Glow, fast wie ein Weichzeichner aus den 70ern.
Stattdessen nutze ich den 'Struktur'-Regler (Texture). Er wurde vor ein paar Jahren eingeführt und ist genial, um die Haptik von Papier zu simulieren, ohne die Gesichter der Kinder zu zerstören. Das Rauschen meiner alten Sony Alpha 6000, das mich früher genervt hat, lasse ich jetzt oft drin. Es wirkt wie eine feine Körnung im Papier. An der Saale-Aue im Schatten entstehen so Bilder, die nicht perfekt sind, aber eine Seele haben.
4. Color Grading wie Farbmischen
Das Color-Grading-Tool mit den drei Farbrädern (Schatten, Mitteltöne, Lichter) ist mein Spielplatz. Hier mische ich meine Tusche. Ich lege oft ein warmes Ocker in die Lichter und ein kühles, tiefes Blau in die Schatten. Das erzeugt Tiefe.
Am 20. April 2026 hatte ich ein Shooting im Hinterhof im Paulusviertel. Das Licht kam hart durch die hohen Fenster. Durch das Color Grading konnte ich die Schatten so 'einfärben', dass sie nicht schwarz und tot wirkten, sondern wie eine dunkle Lasur. Es ist genau das, was ich beim Bearbeiten von Familienshootings an der Saale immer wieder merke: Die Farbe in den Schatten entscheidet darüber, ob ein Foto nach 'Knipsbild' oder nach Kunstwerk aussieht.
5. Komposition und die bewusste Lichtkante
Als Illustratorin denke ich in Linienführung. Wo wandert das Auge hin? In Lightroom nutze ich das Maskierungs-Tool wie einen Pinsel. Ich helle Gesichter nicht einfach auf, ich setze eine 'Lichtkante'. Ein kleiner Pinselstrich mit erhöhter Belichtung entlang der Wange oder der Schulter.
Ich schneide Bilder auch oft radikal an. Ein Arm, der aus dem Anschnitt kommt. Viel Leerraum (Negative Space) über dem Kopf, wie Platz für einen Buchtitel. Das nimmt den Fotos das Statische. Es muss sich anfühlen wie eine Skizze im Vorbeigehen.
Mein Fazit nach all den Wochen im Lichtbildlabor-Tagebuch: Die Sony Alpha 6000 ist nur ein Werkzeug, genau wie mein Apple Pencil. Der Blick kommt aus der Zeit an der Burg Giebichenstein. Man muss Lightroom nicht studieren, um gute Bilder zu machen. Man muss nur aufhören, ein Foto wie eine technische Datei zu behandeln, und anfangen, es wie eine leere Leinwand zu sehen.