
Ein grauer Nachmittag im letzten November. Draußen im Hinterhof im Paulusviertel schluckt der Nebel die Farben der Backsteinmauern. Ich sitze am Zeichentisch, eine frische Aquarellskizze noch feucht vor mir. Daneben das MacBook. Auf dem Schirm ein RAW-Foto vom letzten Shooting an der Saale. Blass. Flach. Digital-kalt. Das vertraute Kratzen der Feder auf Papier auf dem Schreibtisch, während daneben der Lüfter des MacBooks leise hochdreht – dieser Kontrast ist mein Alltag geworden.
Ich vergleiche die Tonalität meiner Illustration mit dem Foto. In der Zeichnung leuchten die Schatten tiefblau, das Laub ist ein schmutziges Ocker, kein schreiendes Neongrün. Im Foto hingegen: technisches Einerlei. Meine alte Sony Alpha 6000, die mich schon durch das Studium an der Burg Giebichenstein begleitet hat, liefert zwar ehrliche 24,3 Megapixel, aber die Seele fehlt dem Bild noch. Ich will, dass das Foto atmet wie ein Bilderbuch. Dass die Lichtkante am Ärmel des Kindes nicht nur hell ist, sondern eine Temperatur hat.
Warum Modul 4 sich wie Matheunterricht anfühlte
Ich hatte mir im Mai 2024 diesen Lightroom-Komplettkurs gekauft. Voller Elan. Aber nach Modul 4 habe ich abgebrochen. Es ging um Histogramme, technische Perfektion und lineare Workflows. Für mich fühlte sich das an wie Malen nach Zahlen mit verbundenen Augen. Als Illustratorin arbeite ich intuitiv. Ich fange an zu skizzieren, schmeiße Farben hin, korrigiere. Ein starrer Lehrplan erstickt das. In meinem Lightroom Grundkurs im Test: Lohnt sich der Adobe-Einstieg für kreative Köpfe? habe ich damals schon festgehalten, warum dieser technische Ansatz oft an uns Kreativen vorbeigeht.
Das Problem war: Ich wusste, was ich sehen wollte, aber ich fand die Pinsel nicht. Bis ich das HSL-Panel entdeckte. HSL – Farbton (Hue), Sättigung (Saturation), Luminanz (Luminance). Acht Farben. Drei Parameter pro Kanal. Insgesamt 24 Regler, die im Grunde nichts anderes sind als mein Farbkasten im Atelier. Rot, Orange, Gelb, Grün, Türkis, Blau, Lila, Magenta. In dem Moment, als ich aufhörte, das Panel als Korrekturwerkzeug zu sehen und anfing, es als Palette zu begreifen, änderte sich alles.

Die Farbkasten-Logik: Orange ist mehr als nur Haut
Nach den ersten Frühlings-Shootings an der Saale stand ich vor der Herausforderung: Hauttöne. Das ist der Endgegner in der digitalen Bearbeitung. Ich erinnere mich an das bittere Gefühl, als ein „Moody“-Preset die Hauttöne eines Babys in ein unnatürliches Karotten-Orange verwandelte, bevor ich den Orange-Regler verstand. Ein Klick, und das Kind sah aus, als hätte es zu viel Karottensaft getrunken. Frustrierend.
In der Malerei mische ich Fleischfarben aus Ocker, Kadmiumrot und viel Weiß. In Lightroom ist der Orange-Regler mein Hauptwerkzeug dafür. Aber Vorsicht: Wenn ich das Orange im Farbton leicht Richtung Rot verschiebe, wird es gesünder, lebendiger. Ziehe ich die Luminanz hoch, fängt die Haut an zu leuchten – wie ein Lichtspot in einer Illustration. Es geht nicht darum, den Regler irgendwohin zu schieben, weil ein Tutorial es sagt. Es geht darum, das Licht zu fühlen, das an jenem Nachmittag durch die Weiden an der Saale fiel.
Oft mache ich den Fehler, dass ich die Sättigung global über die „Sättigung“- oder „Dynamik“-Regler im Grundeinstellungen-Panel steuere. Fehler. Das Bild wird flach. Pastellig im schlechten Sinne. Der malerische Look braucht Tiefe. Und Tiefe entsteht durch Kontraste in der Luminanz der einzelnen Farben.
Der malerische Trick: Übersteuern statt Verblassen
Hier kommt mein kleiner „Illustratoren-Kniff“, den ich vor etwa drei Wochen im Atelier perfektioniert habe. Die meisten Tutorials raten dazu, Farben zu entsättigen, um diesen modernen, soften Look zu bekommen. Ich mache es oft genau umgekehrt. Um echte Farbtiefe zu erzeugen, übersteuere ich die Sättigung einer Farbe (zum Beispiel Gelb oder Grün) erst einmal massiv nach rechts. Das sieht kurzzeitig schrecklich aus. Aber dann fange ich an, die Luminanz dieser Farbe extrem zu senken.
Das Ergebnis? Die Farbe wird schwer. Satt. Wie dicke Ölfarbe oder ein tief eingesogener Aquarell-Verlauf. Ein dunkles, sattes Grün in den Schatten der Saale-Aue wirkt viel natürlicher und „gemalter“ als ein blasses, entsättigtes Grau-Grün. Es gibt dem Bild eine Erdung. Wenn ich dann noch den Gelb-Kanal im Farbton leicht Richtung Orange schiebe, bekommt das Sonnenlicht in den Haaren eine Wärme, die kein Preset der Welt allein hinkriegt.
Manchmal nutze ich dabei auch Landschafts-Presets für Porträts als Basis, weil die oft schon eine sehr spannende Interpretation von Grün- und Blautönen mitbringen. Aber das HSL-Panel bleibt mein Feintuning. Mein Pinsel für die Details.

Blaubeer-Saison und die Tücken von Blau und Lila
Während der Blaubeer-Saison im Juli hatte ich ein Shooting mit einer kleinen Familie im Garten. Die Kinder hatten überall blaue Flecken an den Mündern und auf den hellen Leinenhemden. In der Kamera sah das Blau der Beeren fast elektrisch aus. Zu dominant für die zarte Stimmung.
Hier habe ich gelernt, wie wichtig der Blau- und Aquamarin-Kanal ist. In Lightroom gibt es acht Kanäle. Blau ist oft der lauteste. Ich habe den Farbton der Beerenfleck-Schatten leicht Richtung Türkis verschoben und die Sättigung fast komplett rausgenommen, während ich die Luminanz gesenkt habe. Plötzlich wirkten die Flecken nicht mehr wie digitale Fehler, sondern wie Schatten in einer Zeichnung. Integriert. Harmonisch.
Was ich als Illustratorin am Lightroom-Workflow noch immer fremd finde? Dass man Farben nicht physisch mischen kann. Ich kann nicht einfach Blau und Gelb auf dem Schirm zu einem neuen Grün verrühren. Ich muss die vorhandenen Kanäle biegen. Das erfordert ein Umdenken. Man arbeitet subtraktiv und additiv gleichzeitig. Aber genau dieses „Biegen“ der Farben im HSL-Panel ist es, was den Unterschied macht zwischen „technisch okay“ und „künstlerisch wertvoll“.
Meine persönliche Checkliste für den HSL-Farbkasten:
- Orange: Die Schaltzentrale für Haut. Luminanz hoch für Leuchten, Farbton leicht nach links für Wärme.
- Gelb & Grün: Die Natur-Regler. Gelb Richtung Orange schieben für goldenes Licht. Grün in der Sättigung senken, aber in der Luminanz variieren für Tiefe.
- Blau: Vorsichtig dosieren. Oft der Grund, warum Fotos „digital“ wirken. Sättigung runter, Luminanz runter für einen analogen Film-Look.
- Luminanz vor Sättigung: Bevor du eine Farbe knalliger machst, probier mal, sie dunkler (Luminanz runter) zu machen. Das gibt oft mehr Charakter.
Letztlich ist das Lichtbildlabor-Tagebuch für mich ein Ort des Ausprobierens. Keine Foto-Akademie, kein Studio mit Blitzanlage – nur ich, meine Sony und das Verständnis, dass Licht und Farbe überall denselben Gesetzen folgen, egal ob auf Papier oder auf dem Sensor. Intuition schlägt Curriculum. Jedes Mal, wenn ich im Paulusviertel den Rechner zuklappe und das fertige Bild sehe, das sich endlich nach „mir“ anfühlt, weiß ich, dass der Abbruch des Kurses richtig war. Ich lerne lieber durch das Tun. Durch das Fühlen des Lichts an der Saale. Und durch das mutige Schieben der Regler, bis das Foto anfängt zu singen.