
Spätnachmittag im Paulusviertel. Das Licht zwischen den hohen Altbauten wird dünn, fast staubig. Ich sitze in meinem Atelier, dem umgebauten Hinterhof-Wohnzimmer, und starre auf das MacBook. Vor mir: 400 RAW-Dateien vom Shooting an der Saale-Aue am letzten Sonntag. Eine junge Familie, rennende Kinder, flatternde Leinenkleider im Wind. Eigentlich wunderschön. Aber die schiere Masse erdrückt mich. Als Illustratorin bin ich es gewohnt, Schicht für Schicht an einem einzelnen Bild zu arbeiten, Linien zu ziehen, Farben zu lasieren. Aber 400-mal? Da verlässt mich die Intuition.
Die Flut der Bilder im Hinterhof-Licht
Früher habe ich jedes Bild einzeln angefasst. Jeden Schieberegler geschubst, bis mir die Augen brannten. Meine alte Sony Alpha 6000 – die ich noch aus der Akademie-Zeit an der Burg Giebichenstein habe – liefert mit ihrem 24,3 Megapixel APS-C Sensor technisch solide Dateien, aber sie kommen eben sehr neutral, fast blass aus der Kamera. Wenn ich dann versuche, den weichen, fast malerischen Look meiner Aquarelle manuell nachzubauen, verliere ich mich.

Einmal, an einem verregneten Nachmittag im November, habe ich zwei Stunden lang versucht, einen „Cinematic“-Look nur über die Gradationskurven zu erzwingen. Am Ende sah alles einfach nur schmutzig aus. Die Schatten waren matschig, die Hauttöne der Kinder wirkten kränklich. Ein klassischer Fail. Ich habe alles gelöscht und frustriert den Laptop zugeklappt. Ich wollte keine Technik-Expertin werden, sondern nur, dass die Fotos so aussehen, wie ich sie gefühlt habe.
Der Workflow-Durchbruch: Erst die Leinwand, dann die Farbe
Seit September 2024 nutze ich ein festes Preset-Paket für meine Familienporträts. Aber der wahre Aha-Moment kam erst vor ein paar Wochen hier im Atelier. Ich habe gelernt: Presets sind wie hochwertige Pigmente, aber sie brauchen eine vorbereitete Leinwand. Wenn ich 50 Bilder einer Serie markiere und einfach das „Moody“-Preset drüberbügle, scheitert es oft. Warum? Weil das Licht an der Saale sich ständig ändert. Mal schiebt sich eine Wolke vor die Sonne, mal stehen die Leute im tiefen Schatten der Bäume.
Mein wichtigster Tipp, den ich durch langes Probieren gefunden habe: Bevor du überhaupt an die Presets denkst, musst du die Belichtung der gesamten Serie angleichen. Ich suche mir ein Referenzbild aus der Serie, das perfekt belichtet ist. Dann gehe ich die anderen Bilder durch und passe nur den Belichtungs-Schieber an, bis die Helligkeit der Gesichter in etwa übereinstimmt. Erst dann kommt das Preset. Das spart so viel Frust, weil der Look dann auf allen Bildern gleich wirkt.

Das Lifestyle-Paket und der magische Synchronisieren-Knopf
In Lightroom gibt es diesen „Synchronisieren“-Knopf. Er ist mein bester Freund geworden, fast so wie mein Lieblings-Aquarellpinsel. Wenn ich bei einem Foto den richtigen Look gefunden habe – meistens ist es der „Moody“-Look aus dem Lifestyle-Paket, der die Schatten so wunderbar weich macht, wie ich es bei meinen Illustrationen liebe –, übertrage ich die Einstellungen auf den Rest.
Dabei achte ich darauf, dass ich beim Synchronisieren vor allem den Weißabgleich und die Farbanpassungen mitnehme. Diese Informationen werden in den .xmp Dateien gespeichert, ohne das eigentliche Foto zu verändern. Es ist eine nicht-destruktive Arbeitsweise, die mir die Angst nimmt, etwas kaputt zu machen. Wenn du wissen willst, wie ich diesen malerischen Stil noch weiter verfeinere, schau dir mal an, wie ich Bilder bearbeite wie gemalt – da erkläre ich meine Liebe zu sanften Kanten.
Warum ich jetzt mehr Zeit am Zeichentisch verbringe
Eines Abends nach einem Shooting an der Saale saß ich hier und habe eine Serie von 80 Bildern in unter einer Stunde fertig bearbeitet. Das leise Surren des MacBook-Lüfters im stillen Atelier war das einzige Geräusch, während der Fortschrittsbalken beim Export langsam von links nach rechts wanderte. Ein befriedigendes Gefühl. Früher hätte ich dafür drei Abende gebraucht.

Die Technik soll meinen Stil nicht ersetzen, sie soll ihn befreien. Ich nutze Lightroom jetzt eher wie eine Vor-Skizze. Die grobe Tonalität und die Lichtkante werden durch die Presets und das Batch-Editing gesetzt, und nur bei den absoluten Lieblingsbildern gehe ich noch mal tiefer rein. Es ist faszinierend, wie sehr sich die Arbeit mit digitalen Reglern anfühlt wie das Mischen von Farben auf einer Palette, wenn man erst mal den Workflow raus hat. Es ist ein bisschen wie in der Zeit an der Burg: Man muss das Handwerk beherrschen, um die Kunst fließen zu lassen. Mittlerweile verstehe ich auch viel besser, warum ich als Illustratorin Lightroom Presets statt Photoshop Ebenen nutze, weil es einfach direkter und intuitiver ist.
Am Ende des Tages ist es das Ziel, dass die Familie in Halle ihre Bilder bekommt und sagt: „Ja, genau so hat sich der Nachmittag angefühlt.“ Wenn ich das schaffe, ohne dass ich mich nächtelang durch Menüs quälen muss, dann hat das Lichtbildlabor-Tagebuch seinen Zweck erfüllt. Und ich kann mich wieder meinen Illustrationen widmen, während die Fotos exportieren.