
Spätnachmittag im Paulusviertel. Das Licht fällt schräg durch die hohen Fenster meines Hinterhof-Ateliers, zeichnet helle Vierecke auf den Dielenboden. Draußen, irgendwo Richtung Steintor, läutet eine Glocke. Ich sitze hier mit meinem iPad, vor mir die Ausbeute vom letzten Sonntag an der Saale. Ein kleiner Spaziergang mit einer befreundeten Familie, nur das Handy in der Tasche. Und da ist es wieder: dieses digitale Grau.
Kennst du das? Du siehst diesen Moment – das Kind rennt durch das hohe Gras der Saale-Wiesen, das Licht fängt sich in den fliegenden Haaren, alles sieht aus wie eine Vorzeichnung für ein Kinderbuch. Klick. Und dann schaust du aufs Display und willst das Bild am liebsten sofort löschen. Blass. Flach. Die Farben wirken wie billige Wasserfarben aus dem Malkasten, die zu viel Wasser und zu wenig Pigment abbekommen haben. Die Schatten sind matschig, die Lichter fressen aus. Es fehlt die Seele.
Das Problem mit dem 'Einfach mal schnell knipsen'
Als ich im März 2024 anfing, öfter mal die Kamera in die Hand zu nehmen, dachte ich, die Technik macht das schon. Aber Handyfotos sind tückisch. Die Software im Telefon versucht alles 'richtig' zu machen. Sie bügelt Kontraste glatt, schärft Linien nach, die eigentlich weich sein sollten, und lässt alles so steril aussehen wie ein Wartezimmer. Für mich als Illustratorin ist das eine Katastrophe. Ich brauche Tonalität. Ich brauche eine Lichtführung, die die Geschichte erzählt, nicht die Megapixel.
Meine alte Sony Alpha 6000 aus der Akademie-Zeit macht das schon besser, aber oft habe ich eben doch nur das Smartphone dabei. In Lightroom Mobile versuche ich dann, das Gefühl zurückzuholen. Das ist wie beim Skizzieren: Zuerst legst du die groben Formen fest, dann suchst du die Lichtkante. Ich habe im Mai 2024 diesen Lightroom-Kurs angefangen, weißt du noch? Modul 4 war Schluss. Zu viel 'Wenn X, dann schiebe Regler Y'. Das funktioniert für mich nicht. Ich muss das Bild fühlen.

Warum Schatten aufhellen dein Bild tötet
Der erste Impuls bei blassen Fotos ist oft: 'Mach es heller!' Und dann ziehen alle an diesem Schatten-Regler. Stop. Mach das nicht. Wenn du die Schatten in einem Handyfoto zu weit aufreißt, holst du nur digitales Rauschen hervor. Es sieht dann aus, als hättest du Sand in deine Lasur gemischt. Das Bild verliert seine Tiefe, seine Erdung. In der Illustration lassen wir die dunklen Stellen auch stehen, um dem Licht Raum zu geben.
Stattdessen arbeite ich viel lieber mit der Gradationskurve. Ein sanfter Schwung, fast wie eine lockere Handbewegung beim Skizzieren eines Hügels. Ich ziehe die Mitten ein bisschen hoch, lasse die Tiefen aber da, wo sie hingehören. Das gibt dem Foto sofort mehr Körper. Es wirkt nicht mehr so flachgedrückt. Letzte Woche bei dem Shooting mit der kleinen M. in Glaucha war das Licht so diffus – fast kein Schatten. Da musste ich in Lightroom erst mal wieder Konturen 'erfinden', indem ich die Kurve ganz behutsam nach unten gedrückt habe.
Oft hilft es auch, den Blick auf die Hauttöne zu lenken. Nichts ist schlimmer als dieses fahle Handy-Gesicht, das aussieht wie ungebrannter Ton. Ich habe neulich darüber geschrieben, wie man schöne Hauttöne mit dem Blick einer Illustratorin bearbeitet. Es geht um Nuancen, um das Pfirsichfarbene, das warme Licht, das durch die Wangen schimmert.
Der 'Bleed-Effekt': Weichheit statt digitaler Härte
Was mich an Handyfotos am meisten stört, ist diese künstliche Schärfe. Jedes Blatt, jedes Haar wird betont, als wäre es mit einem harten Fineliner nachgezogen. In meinen Aquarellen liebe ich es, wenn Kanten ineinanderlaufen. 'Bleeding' nennen wir das. In Lightroom Mobile nutze ich dafür zwei Regler, die eigentlich für das Gegenteil gedacht sind: Klarheit und Struktur.
Ich gehe oft ins Minus. Nur ein kleines Stück. -10, vielleicht -15. Plötzlich verschwindet diese digitale Aggressivität. Das Bild fängt an zu atmen. Es bekommt einen Schimmer, fast wie ein alter Film oder eben wie eine Zeichnung auf grobem Papier. Wenn ich dann noch die Dunst-entfernen-Funktion ganz leicht ins Negative schiebe, entsteht dieser weiche Look, den ich für meine Kinderbuch-Illustrationen so liebe.
- Belichtung: Meistens ein Stück nach oben. Ich mag es 'high key', luftig.
- Farbtemperatur: Fast immer ein bisschen wärmer. Das Licht in Halle kann an bewölkten Tagen sehr blau, fast schon traurig sein. Ein Schubs Richtung Gelb/Orange wirkt Wunder.
- Vignettierung: Ganz dezent, um den Blick in die Bildmitte zu lenken, wie ein sanfter Rahmen aus Tusche.

Ein Vormittag auf der Peißnitz
Diesen Dienstag war ich auf der Peißnitzinsel. Die Sonne kam nur kurz durch, es war dieses typische 'Milchglas-Licht'. Ich hatte ein paar Fotos von einer Mutter mit ihrem Baby gemacht. Auf dem Handy sahen sie erst mal nach nichts aus. Zu grau, zu wenig Aussage. Aber zu Hause im Atelier, bei einer Tasse Tee, habe ich angefangen zu schieben. Ich habe ein Preset aus meinem Landschafts-Paket genommen – den 'Natural' Look – und ihn als Basis benutzt.
Weißt du, das ist das Schöne an Presets: Sie sind wie eine Grundierung auf der Leinwand. Man fängt nicht bei Null an. Wenn ich dann merke, dass ich viele Familienfotos gleichzeitig in Lightroom mit Presets schneller bearbeiten kann, bleibt mir mehr Zeit für die eigentliche kreative Arbeit. Ich schaue mir jedes Bild einzeln an: Wo sitzt die Lichtkante? Muss ich den Bildschnitt ändern, um die Linienführung zu betonen? Meistens schneide ich enger ans Motiv ran, als das Handy es vorschlägt. Ich will die Emotion sehen, nicht den Mülleimer im Hintergrund der Saale-Wiesen.
Intuition schlägt Technik
Was ich in den letzten Monaten im Lichtbildlabor-Tagebuch gelernt habe: Es gibt kein 'Richtig'. Es gibt nur ein 'Fühlt sich gut an'. Ein Foto ist für mich dann fertig, wenn es mich an eine Skizze erinnert, die ich gerade erst beendet habe. Wenn die Farben harmonieren wie in einer Farbpalette für ein neues Buchprojekt. Manchmal verwerfe ich ein Bild auch komplett, weil ich merke, dass ich versuche, etwas zu retten, das keinen Kern hat. Das ist okay. Papier ist geduldig, und der Speicherplatz auf dem iPad auch.
Wenn du also das nächste Mal vor einem blassen Foto sitzt, verzweifle nicht an der Technik. Schalte den Kopf aus. Schau nicht auf die Histogramme. Schau auf das Licht. Such die Weichheit in den Reglern, die eigentlich für Schärfe da sind. Und lass die Finger vom Schatten-Regler, wenn dein Bauch dir sagt, dass Dunkelheit auch eine Qualität haben kann. In Halle gibt es so viel schönes, eigenwilliges Licht – wir müssen es nur wieder aus dem digitalen Grau befreien.
Vielleicht probierst du es morgen einfach mal aus? Schnapp dir ein Foto, das du eigentlich löschen wolltest. Geh in Lightroom Mobile, zieh die Klarheit nach links, mach es ein bisschen wärmer und schau, was passiert. Es ist wie Zauberei, wenn aus einem flachen Pixelhaufen plötzlich ein Bild mit Seele wird. Fast wie der erste Pinselstrich auf einem frischen Bogen Aquarellpapier.