Analoger Look für digitale Familienfotos durch gezielte Körnung in Lightroom

Analoger Look für digitale Familienfotos durch gezielte Körnung in Lightroom

Spaeter Abend im Atelier. Das Paulusviertel schlaeft schon fast. Ich zoome in das Gesicht eines Zweijaehrigen, das ich am Sonntag an der Saale fotografiert habe, und fuehle diesen Widerstand. Die Pixel meiner Sony Alpha 6000 sind zu perfekt. Zu klinisch. Auf meinem Zeichentisch liegt ein Bogen 300g Aquarellpapier mit dieser wunderbaren, unregelmaessigen Textur, und daneben wirkt der digitale Sensor-Output wie Plastik. Kalt. Seelenlos.

Das Erbe der Burg: Warum meine Augen Textur brauchen

Vielleicht liegt es an meinem Studium an der Burg Giebichenstein. Fuenf Jahre lang habe ich gelernt, wie Graphit ueber Papier kratzt und wie Tusche in die Fasern einsinkt. Wenn ich jetzt vor meinem MacBook sitze, suche ich instinktiv nach dieser Haptik. Ein digitales Foto hat eine Sensoraufloesung von 24.3 Megapixel — das ist technisch beeindruckend, aber fuer mich als Illustratorin oft zu glatt. Es fehlt die Lichtkante, die durch eine physische Oberflaeche entsteht.

Letzten November, als das Licht in der Saale-Aue so stumpf und grau war, habe ich angefangen, meine RAW-Dateien mit Scans von Kohlezeichnungen zu vergleichen. Die Kohle hat Leben, weil sie Fehler hat. Das digitale Bild hat keine Fehler, nur Rauschen. Aber Lightroom bietet uns dieses Werkzeug an, um diese Fehler zu simulieren. Nicht als Stoerung, sondern als Gestaltungsmittel. Es geht darum, die digitale Sterilitaet zu brechen, damit das Foto sich endlich so anfuehlt wie meine Illustrationen.

Vergleich zwischen digitaler Kamera und haptischer Papiertextur im Atelier

Die drei Regler: Mehr als nur Rauschen

In meinem abgebrochenen Lightroom-Kurs (ich bin nach Modul 4 ausgestiegen, weil mir das zu linear war) wurde das Bedienfeld 'Effekte' nur kurz gestreift. Aber fuer meinen Stil ist es das Herzstueck. Es gibt dort genau 3 Schieberegler fuer die Koernung: Staerke, Groesse und Rauheit. Die meisten ziehen einfach die Staerke hoch und wundern sich, warum es aussieht wie ein alter Fernseher ohne Empfang.

Ich arbeite hier intuitiv. Wie beim Mischen von Aquarellfarben. Die Groesse bestimmt, wie massiv die 'Silberkristalle' wirken sollen. Bei einem APS-C Sensor wie dem meiner Sony muss man hier vorsichtig sein, da die Pixeldichte ohnehin schon anders wirkt als bei Vollformat. Aber der eigentliche Held ist der Rauheit-Schieber. Er ist das Geheimnis. Er bricht das gleichmaessige Muster auf. Er sorgt dafuer, dass die Koernung unregelmaessig klumpt, genau wie echtes Filmkorn oder die Pigmente in einem nassen Farbauftrag.

Wenn ich an den Workflow denke, den ich in Bilder bearbeiten wie gemalt: Mein Lightroom Workflow fuer sanfte Aquarelleffekte beschrieben habe, dann ist die Koernung die Leinwand, auf der alles andere erst Sinn ergibt. Ohne diese Textur wirken die Farben oft wie aufgeklebt.

Der Fehler mit der Newborn-Haut

Natuerlich bin ich auch gescheitert. Ein regnerischer Nachmittag im Mai, eine Homestory hier im Paulusviertel. Ein Neugeborenes, kaum zwei Wochen alt. Ich wollte diesen ganz soften, nostalgischen Look. Ich habe die 'Groesse' der Koernung auf das Maximum geschoben, weil ich dachte, das macht es 'kuenstlerischer'.

Das Ergebnis? Das Baby sah aus, als bestuende es aus grobem Kies. Nicht aus weicher Haut. Die Textur hat die Zartheit des Motivs komplett erschlagen. Da habe ich gelernt: Koernung muss das Motiv unterstuetzen, nicht dominieren. Seitdem achte ich darauf, dass die Groesse der Koerner nie die feinen Details der Mimik ueberlagert. Es soll ein Hauch sein, eine Ahnung von Materialitaet, kein Sandsturm.

Nahaufnahme der Lightroom Effekte-Regler fuer Koernung auf einem Laptop

Die kontraere Ansicht: Koernung ist kein Finish

Oft liest man, man solle die Koernung ganz zum Schluss hinzufuegen. Als letzten Schritt. Ich glaube, das ist ein Fehler, wenn man einen wirklich organischen Look will. Wenn ich die Koernung erst ganz am Ende ueber alles drueberlege, wirkt sie wie ein Filter auf einer Glasscheibe. Sie verbindet sich nicht mit den Farbwerten.

Ich experimentiere damit, die Koernung schon frueh im Prozess einzustellen, noch waehrend ich an der Tonwertkorrektur arbeite. Warum? Weil die Koernung beeinflusst, wie wir Kontraste wahrnehmen. Eine gekoernte Schattenpartie wirkt tiefer, haptischer als eine glatte schwarze Flaeche. Es ist wie bei einer Tuschezeichnung — die Textur des Papiers entscheidet mit, wie die Tinte fliesst. Wenn ich Familien fotografiere, will ich, dass die Koernung in den Hauttoenen 'lebt', statt sie nur zu maskieren. Wer wissen will, warum ich diese Herangehensweise so liebe, sollte schauen, warum ich Schwarz Weiss Fotos in Lightroom wie Tuschezeichnungen bearbeite — da wird das Prinzip der Textur noch deutlicher.

Mein Fazit beim Mittagskaffee

Der Geruch von kaltem Kaffee und das leise Summen des MacBooks. Wenn ich jetzt beobachte, wie sich ein steriler, digitaler Himmel in eine texturierte, fast greifbare Atmosphaere verwandelt, weiss ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Koernung ist die Bruecke zwischen meinen zwei Welten. Sie macht aus einem technischen Abbild ein Bild, das eine Geschichte erzaehlt. Nicht perfekt, aber echt. Wie eine Skizze im Vorbeigehen an der Saale. Ich nutze mittlerweile oft das 'Natural' Preset aus meinem Paket als Basis, aber die Feinabstimmung der Rauheit mache ich bei jedem Shooting neu. Es ist meine Art, die Kamera so zu benutzen, wie ich meinen Bleistift benutze: mit Gefuehl fuer den Untergrund.

Vielleicht ist das der Grund, warum ich als Burg-Absolventin so anders auf Lightroom schaue. Ich suche nicht nach der perfekten Bearbeitung der Hauttoene nach Lehrbuch, sondern nach dem Gefuehl, das ein Bild ausloest, wenn man es ansieht. Und oft ist es genau dieses kleine bisschen Unruhe, dieses 'Dazwischen', das ein Foto erst wahrhaftig macht.