
Ein Sensorbild und ein Bogen Aquarellpapier reagieren komplett gegensätzlich auf Licht: das eine bricht Kontraste hart und glatt, das andere lässt sie ausfransen und klumpen. Genau dieser Unterschied entscheidet am Ende, ob ein Familienfoto aus meinem Atelier im Paulusviertel wie eine Kamera-Aufnahme wirkt oder wie eine Illustration, die zufällig mit einer Kamera entstanden ist. Das Werkzeug dafür heißt in Lightroom Körnung, und die eigentliche Frage ist nicht, ob man sie benutzt – sondern wann im Bearbeitungsprozess.
Körnung zuletzt oder Körnung von Anfang an?
Zwei Wege führen zum selben Ziel, fühlen sich beim Bearbeiten aber komplett unterschiedlich an. Der eine schiebt die Körnung ganz am Schluss über das fertige Bild, wie eine Folie über eine trockene Zeichnung. Der andere baut sie früh ein, noch während die Tonwertkorrektur läuft, sodass Kontrast und Textur zusammen wachsen. Ich vergleiche beide Wege seit einer Weile an echten Aufträgen, zuletzt an zwei Familien-Shootings am Händelplatz, unter der Kastanienallee, im Herbstlicht, das durch die Blätter bricht und über Gesichter und Schultern flackert.
Welches Preset überhaupt zum eigenen Illustrationsstil passt – Cinematic, Moody oder Natural – ist eine andere Entscheidung, die ich woanders im Detail durchgespielt habe; hier geht es nur um die Körnung selbst, um das Wie und das Wann, nicht um das Ob.
Fall eins: die Körnung als letzter Handgriff
Fall eins sieht so aus: Die Tonwertkorrektur ist fertig, erst danach öffne ich das Bedienfeld Effekte und ziehe Stärke und Größe hoch, bis das Bild einen körnigen Schleier bekommt. Der erste Eindruck: wie echtes Filmkorn. Beim zweiten Hinsehen liegt die Textur aber nur oben drauf. Sie verbindet sich nicht mit den Hauttönen, nicht mit dem Herbstlicht zwischen den Kastanien am Händelplatz, sie sitzt wie eine Glasscheibe vor dem eigentlichen Bild.
Auf dem Tisch neben dem MacBook stehen noch die Wasserbecher von der letzten Illustration, das Pigment längst angetrocknet. Sobald die Heizung im Atelier anspringt, zieht ein leiser, erdiger Geruch durch den Raum und zieht mich für einen Moment vom Bildschirm weg – bevor ich zurück zu Fall eins wechsle und merke, warum mir die Textur dort fremd bleibt.
Bei Babyhaut zum Beispiel halte ich die Korngröße deshalb bewusst klein. Sonst wirkt die Zartheit der Haut schnell wie Kies statt wie Teint – zu grobe Körnung frisst genau die Details, auf die es bei Haut ankommt.

Fall zwei: Körnung mitten im Tonwert-Prozess
Fall zwei läuft anders. Noch bevor die Tonwertkorrektur fertig ist, schalte ich probeweise schon Körnung dazu, meist niedrige Stärke, höhere Rauheit. Der ganze Workflow rund um weiche Aquarelleffekte, den ich in Bilder bearbeiten wie gemalt: Mein Lightroom Workflow fuer sanfte Aquarelleffekte beschrieben habe, baut auf genau diesem frühen Ansatz auf: Textur ist von Anfang an Teil der Leinwand, kein nachträglicher Filter.
Unter den Kastanien am Händelplatz bricht das Herbstlicht in einzelne Flecken, die über Gesichter und Schultern wandern, kaum zwei Sekunden lang am selben Platz. Solche wechselnden Schattenmuster zu lesen, bevor man überhaupt auslöst, ist eine eigene Fähigkeit, die ich an anderer Stelle ausführlicher behandle. Bei einem der Fotos von dort habe ich mitten im Bearbeiten den Klarheit-Regler komplett zurück auf null gezogen – und das Bild hat plötzlich wieder geatmet, fast wie feuchtes Aquarellpapier, statt nur scharf und poliert dazustehen.
Schatten wirken durch diesen frühen Ansatz tiefer und gleichzeitig weicher, fast wie bei einer Tuschezeichnung, bei der das Papier mitentscheidet, wie die Tinte fließt und wo sie ausfranst. Diesen Zusammenhang habe ich ausführlicher aufgeschrieben, als es um warum ich Schwarz Weiss Fotos in Lightroom wie Tuschezeichnungen bearbeite ging – bei Farbfotos gilt dasselbe Prinzip, nur mit einem Zwischenschritt mehr.
Rike, zwei Etagen unter meinem Atelier, hat mich neulich gefragt, ob RAW oder JPEG überhaupt einen Unterschied für die Körnung macht – die Antwort ist ja, deutlich sogar, aber das ist ein eigenes Kapitel, kein Nebensatz hier.
Der lineare Kurs landete nach Modul 4 im Regal
Bevor ich überhaupt in Fällen dachte, hatte ich mir einen kompletten Lightroom-Kurs gekauft, linear aufgebaut, Modul für Modul. Nach Modul 4 habe ich abgebrochen. Nicht weil der Inhalt schlecht war, sondern weil das Format meinem Kopf widerspricht: Ich arbeite nicht linear, ich arbeite intuitiv, wie beim Mischen von Farbe auf der Palette, wo man oft erst hinterher erklären kann, warum ein Ton funktioniert hat.
Der Unterschied zwischen intuitivem und systematischem Vorgehen beim Lightroom-Workflow ist inzwischen ein eigenes Thema für mich geworden, das ich separat aufgearbeitet habe. Genauso wie die Bearbeitung der Hauttoene ihr eigenes Thema ist. Fall eins und Fall zwei sind letztlich beide nur Varianten dieser intuitiven Methode: vergleichen statt Curriculum abarbeiten.
Merle blickt kurz drüber – und urteilt sofort
Merle, mit der ich seit dem Studium an der Burg ein Atelier-Café-Abo im Paulusviertel teile, kommentiert Bearbeitungen nüchtern und ohne Umschweife. Ich habe ihr beide Versionen nebeneinander gezeigt, Fall eins und Fall zwei, ohne zu sagen, welche welche ist.
Ihr Urteil kam sofort: Die eine sehe aus wie ein Foto mit Filter drüber, die andere wie eine Zeichnung, die zufällig eine Kamera benutzt hat. Das war Fall zwei. Kein langes Abwägen, keine Erklärung – genau die Art Feedback, die mir in dem Moment mehr hilft als jede Checkliste.

Wann sich welcher Weg lohnt
Fall eins, Körnung ganz am Schluss, lohnt sich, wenn ein Bild ohnehin schon viel Kontrast und Struktur mitbringt und nur noch einen dünnen, letzten Schliff braucht – der schnellere Weg, wenn die Zeit knapp ist. Fall zwei, Körnung mitten im Prozess, lohnt sich, wenn Schatten und Hauttöne im Mittelpunkt stehen, bei Porträts vor allem, bei Familienfotos mit mehreren Gesichtern nah beieinander unter wechselndem Licht wie am Händelplatz.
Für Auftragsarbeiten mit knapper Deadline greife ich manchmal noch zu Fall eins, wenn die Ausgangsdatei schon viel Charakter mitbringt. Für alles andere wähle ich inzwischen fast immer Fall zwei. Körnung bleibt für mich kein Filter, sondern eine Entscheidung, die ich so treffe wie die Wahl des Papiers vor dem ersten Strich – vorher, nicht hinterher.