Perspektiven für kreative Familienfotos abseits klassischer Porträtfotografie

Perspektiven für kreative Familienfotos abseits klassischer Porträtfotografie – Familie sitzt entspannt im Gras statt in klassischer Porträtpose

Der Hang am Reilsberg ist steiler, als er von unten aussieht. Wer dort für ein klassisches Familienfoto eine Reihe aufstellen will, alle nebeneinander, alle lächelnd, rutscht ab.

Genau an dieser Stelle kippt der übliche Rat für Familienfotografie in Halle: die Reihe vor der Kamera, ein Zählen bis drei, ein Lächeln auf Kommando. Dieser Aufbau hat sich durchgesetzt, weil er leicht zu kontrollieren ist, nicht weil er die stärkeren Bilder liefert. Aus der Illustration kenne ich einen anderen Zugang: die Lücke im Bild, die Fläche, die leer bleiben darf, damit sich die Personen von selbst hineinsetzen. Was ich dabei sehe, landet jede Woche in meinem Lightroom-Tagebuch, noch bevor ich weiß, ob aus der Sitzung überhaupt etwas Verwertbares wird.

Die klassische Familienaufstellung wirkt oft leblos

Ein erzwungenes Lächeln hinterlässt eine Maske, keinen Ausdruck. Kinder merken das sofort und reagieren mit Grimassen oder schauen weg. Bei einer Zeichnung würde ich nie jede Fläche mit Farbe füllen. Irgendwo muss das Papier atmen, sonst wirkt das Bild überladen. Auf ein Familienfoto übertragen heißt das: Stille aushalten, bis die Schultern der Eltern absinken und die Kinder aufhören, auf die Kamera zu achten. Genau in diesem Moment löse ich aus, nicht in der Sekunde, in der alle bereitstehen. Ein einfaches Zeichen dafür, dass eine Szene reif ist: Sobald niemand mehr in die Kamera schaut, wird der Ausdruck echt.

Nahaufnahme einer Hand mit Pinsel neben einer Sony Alpha 6000 Kamera auf einem Holztisch – Illustrationsstil trifft Familienfotografie in Halle

Die Reilsberg-Sitzung: eine Szene statt eine Pose

Die Mutter, die mich für den Nachmittag am Reilsberg gebucht hat, kenne ich über eine Nachbarin, die für einen Triathlon-Verein an der Saale trainiert. Sie hatte von der ungewöhnlichen Art gehört, wie ich Familien fotografiere, und den Kontakt einfach weitergegeben.

Am Hang zwischen den Weinreben lief das jüngste Kind nach kurzer Zeit einfach los, den Hang hinunter, einer Wespe hinterher, die es für eine Biene hielt. Niemand hat es zurückgerufen. Das Nachmittagslicht fiel flach über den Hang und warf lange Schatten zwischen die Rebzeilen. Wie Licht eine Perspektive überhaupt erst trägt, ist ein eigenes Thema, das an anderer Stelle genug Platz bekommt. Für diese Sitzung reichte mir, dass die Schatten die Bewegung des Kindes nachzeichneten, während die Eltern oben am Weg stehen blieben und einfach zusahen. Später am Rechner habe ich die ganze Serie in einem Rutsch durch denselben Look geschickt, statt jedes Bild einzeln zu entscheiden. Bei über vierzig Aufnahmen aus einer Sitzung bleibt sonst keine Zeit für das, was eigentlich zählt: schauen, ob die Reihenfolge der Bilder eine Geschichte ergibt.

MacBook Bildschirm zeigt die Bearbeitung eines Familienfotos in Lightroom mit Moody-Look – kreative Bildbearbeitung abseits klassischer Porträtfotografie

Technik ist ein Werkzeugkasten, kein Zulassungstest

Der zweite Mythos sitzt tiefer: dass man erst jeden Regler in Lightroom verstehen muss, bevor ein Familienfoto etwas taugt. Zwei Jahre mache ich das jetzt neben den Illustrationen, und die Reihenfolge, in der ich mir Fähigkeiten angeeignet habe, war nie die eines Lehrplans. Ob RAW oder JPEG die bessere Ausgangsbasis für eine Sitzung ist, hängt vom Auftrag ab und ist eine eigene Abwägung für sich. Welcher Preset-Look zu welcher Familie passt, ist wieder eine andere Frage, die an anderer Stelle ausführlicher durchgegangen wird. Und wenn eine Kamera die Bilder blass und flach ausspuckt, lohnt sich manchmal ein Blick auf meine Notizen dazu, was hilft, wenn Fotos zu blass aus der Kamera kommen, bevor man den Auftrag für misslungen hält.

Was am Anfang bei mir nicht funktioniert hat: Handyfotos direkt so exportieren, wie sie aus der App kamen, ohne den Weißabgleich zu prüfen. Bei einem Wohnzimmer-Shooting im Winter bekamen plötzlich alle Gesichter einen deutlichen Farbstich, und erst da wurde mir klar, dass dieser eine Schieber über das ganze Bild entscheidet, nicht nur über eine Nuance am Rand. Seitdem prüfe ich den Weißabgleich zuerst, noch vor jeder gestalterischen Entscheidung.

Wie ehrlich Hauttöne bleiben, wenn ein Preset-Look darüberliegt, ist wieder ein eigenes Kapitel. Genauso, wie ich Belichtung und Kontrast eher fühle als berechne. Dazu habe ich aufgeschrieben, wie ich Belichtung und Kontrast intuitiv wie eine Illustration bearbeite. Ob eine Korrektur das ganze Bild betrifft oder nur einen Ausschnitt davon, ist nochmal eine andere Entscheidung, die sich lieber am konkreten Foto treffen lässt als in der Theorie. Was am Ende beim Bildausschnitt bleibt oder wegfällt, hat mit der Geschichte zu tun, die das Foto erzählen soll, nicht mit einer festen Regel. Selbst die Exporteinstellungen für eine Familie, die die Bilder nur auf dem Handy anschauen will, unterscheiden sich von denen für einen Druck. Auch das gehört zum Handwerk, das man sich nach und nach aneignet, nicht am ersten Tag.

Kreative Bildbearbeitung wie eine Illustratorin ernst nehmen

Was am Reilsberg an diesem Nachmittag entstanden ist, hätte keine der klassischen Aufstellungen hergegeben. Die Serie zeigt eine Familie, die sich selbst vergessen hat, nicht eine, die posiert. Genau das ist die Korrektur, die ich der klassischen Familienfotografie entgegensetzen würde: Niemand muss erst jeden Regler beherrschen, um ein starkes Bild zu bekommen. Es reicht eine einzige Frage, bevor der Auslöser fällt. Wo ist die Lücke im Bild, in die sich die Familie von selbst hineinsetzt? Wer mit den ersten Presets experimentieren will, findet in meinen Erfahrungen mit dem Lifestyle Presets Paket vielleicht einen Ausgangspunkt. Nicht als Regelwerk, sondern als Skizze, die sich jede und jeder selbst weiterzeichnet.