
Was ein Foto eigentlich weich macht, wenn das Licht selbst hart ist, stellt sich mir jedes Mal neu, wenn ich zwei Aufträge aus meiner Familienfotografie hier in Halle nebeneinanderlege — einen von der Peißnitzinsel, wo die Nachmittagssonne durch die Pappeln bricht wie durch ein Sieb, und einen aus meinem Atelier im Paulusviertel, wo das Licht durchs Nordfenster eher gleichmäßig hereinsickert. Beide verlangen einen komplett anderen Lightroom-Workflow. Genau darum soll es hier gehen: wie ich Belichtung und Kontrast je nach Lichtsituation lese, mit ein paar Bildbearbeitungs-Tipps, die eher aus der Illustration kommen als aus einem Technik-Handbuch — mit dem Blick einer Illustratorin, nicht dem eines Technikers.
Beide Fotos liegen gerade nebeneinander auf meinem Tisch: eine alte Drucktür, die auf zwei Holzböcken liegt und MacBook und iPad wie immer auf derselben Fläche trägt. Durchs Fenster zur Nordseite kommt kein direktes Sonnenlicht rein, nur dieses gleichmäßige, kühle Grau, das jede Farbe ehrlich zeigt. An der nackten Backsteinwand hinter mir laufen ein paar helle Wasserfleckenstreifen runter, die ich längst nicht mehr wahrnehme. Merle kam vorhin mit Kaffee aus der Bäckerei unten hoch, warf einen Blick auf den Schirm und meinte nur, das eine Foto sehe aus wie ein noch nasses Aquarell, das andere wie eine fertige Tuschezeichnung.
Zwei Lichtprobleme in der Familienfotografie
Zwei Lichtprobleme, aber nur eine Handvoll Regler, mit denen ich wirklich arbeite: Belichtung, die Tiefen, die Lichter, der Schwarzpunkt, und ganz am Schluss die Gradationskurve. Bei hartem Licht wie auf der Insel geht es fast immer erst um die Lichter — wie viel Zeichnung darf im Hellen noch bleiben, bevor es einfach ausbrennt. Bei flachem Licht wie bei Rike geht es andersrum: Da fehlt erst mal die Tiefe komplett, und ich muss sie reinlegen wie eine zweite Lasur.
Peißnitzinsel: Wenn die Sonne die Kontur zerschneidet
Auf der Peißnitzinsel bricht die Nachmittagssonne im Sommer durch die Pappeln in einzelnen harten Flecken, die über Gesichter und Kleidung wandern wie zufällig hingeworfene Tuscheflecken. Für ein Familienfoto ist das erstmal ein Problem, kein Geschenk — die Kontraste sind schon da, bevor ich überhaupt den Rechner aufklappe. Mein erster Handgriff ist fast nie, die Belichtung insgesamt anzuheben. Stattdessen gehe ich direkt in die Lichter und ziehe sie runter, bis die Zeichnung in der Haut sichtbar bleibt, statt einfach auszufressen.
Bei einem der ersten Familienshootings dort hatte ich testweise eines meiner Reise-Presets über die Fotos gelegt, weil der satte Kontrast so gut zum Gegenlicht passte. Ergebnis: Die Haut ging komplett ins Orange, viel zu warm für ein Kinderporträt im Nachmittagslicht. Das Preset war für Landschaften gebaut, für Feldwege und Flussufer, nicht für Gesichter unter Bäumen. Wie ich Hauttöne inzwischen grundsätzlich angehe, sobald ein Preset drüberliegt, ist nochmal eine eigene Geschichte für sich, die ich woanders ausführlicher aufgeschrieben habe.
Genau da hilft es, überhaupt erst zu wissen, welches Preset zu welchem Licht passt, bevor man es über ein Kinderporträt legt — dazu habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben. Ebenso, wie man harte Schatten im Freien überhaupt liest, bevor man an die Regler geht: auch das ist ein eigenes Kapitel, das ich separat aufgedröselt habe. Auf der Insel jedenfalls bleibt die Regel simpel: erst die Lichter zähmen, dann über den Rest nachdenken.

Warum Rikes Porträts nach der Kurve verlangen, nicht nach dem Regler
Meine Nachbarin Rike will das genaue Gegenteil. Sie wünscht sich immer helle, sanfte Farben, nie diesen Moody-Look, den ich selbst so mag. Ihr Wohnzimmer hat große Fenster, aber kein direktes Licht — alles kommt gleichmäßig und eher blass rein, fast wie unbelichtetes Aquarellpapier. Da fehlt die Tiefe komplett, bevor ich überhaupt anfange.
Also hebe ich zuerst die Belichtung insgesamt an, wie eine erste dünne Lasur über das ganze Bild — das Licht darf ruhig atmen, ohne dass sofort Kontrast reinkommt. Erst danach, ganz am Schluss, setze ich über die Gradationskurve einen sehr sanften Schwarzpunkt, gerade genug, damit die Falten im Kleidchen nicht komplett verschwimmen. Der Kontrast-Regler selbst bleibt fast immer bei null, der macht Kanten zu hart, wie mit einem billigen Filzstift gezogen.
Einmal hat das helle Preset auf Anhieb gepasst — die Haut ihrer Tochter im Nachmittagslicht brauchte danach keine einzige Nachkorrektur mehr, das Grundrezept saß sofort. Solche Treffer sind selten, meistens muss ich von Hand nacharbeiten. Dass ich das überhaupt so fein steuern kann, liegt auch daran, dass ich mich schon länger klar für RAW oder JPEG für Familienfotos entschieden habe — dazu hab ich an anderer Stelle mehr geschrieben.
Kontrast setzen wie eine Tuschelinie ziehen
Kontrast ist für mich selten eine Frage von ganz hell gegen ganz dunkel. Er entsteht durch gezielte Akzente, ähnlich wie eine Tuschelinie, die eine Form stützt, statt sie nur zu umranden. Deshalb greife ich viel öfter zum Schwarz-Regler als zum Kontrast-Regler — ich ziehe das Schwarz nach links, bis dunkle Haarpartien oder Stofffalten anfangen zu wirken, ohne dass die Mitteltöne mitgezogen werden.
Luminanz-Masken nutze ich dabei wie eine Maskierflüssigkeit im Aquarell: Ich schütze bestimmte Bereiche, während ich drumherum arbeite. Auf der Insel maskiere ich meistens die schon zu hellen Hautpartien, damit ich die Tiefen ungestört anheben kann. Bei Rike maskiere ich eher die Fensterbereiche im Hintergrund, damit die zusätzliche Belichtung nicht dort landet, wo sowieso schon genug Licht ist.
Ob man sich Lightroom eher systematisch oder intuitiv aneignet, ist am Ende ohnehin eine Typfrage — dazu hab ich woanders mehr geschrieben. Bei den Schwarzweiß-Umwandlungen wird der Unterschied zwischen den beiden Fällen übrigens nochmal deutlicher sichtbar. Ich habe neulich aufgeschrieben, warum ich Schwarz Weiß Fotos in Lightroom wie Tuschezeichnungen bearbeite, und genau daran sieht man sofort, ob die Lichtführung trägt.

Die Faustregel, die am Ende bleibt
Am Ende läuft es auf eine einfache Unterscheidung hinaus. Reißt das Licht die Kontraste schon von selbst auf wie auf der Peißnitzinsel, gehe ich zuerst in die Lichter und rühre die Tiefen erst danach an. Ist das Licht dagegen flach wie bei Rike im Wohnzimmer, hebe ich zuerst die Belichtung als Ganzes an und setze den Schwarzpunkt erst zum Schluss, sehr behutsam. Beide Wege enden beim selben Ziel: ein Bild, das wie gezeichnet wirkt statt fotografiert — aber die Reihenfolge, in der ich dahin komme, ist genau entgegengesetzt.
Wer anfängt, solche Gegensatzpaare für sich zu sammeln, merkt schnell: Ohne Ordnung im Katalog verliert man den Überblick, welches Rezept zu welcher Lichtsituation gehörte. Wie ich versuche, meinen Lightroom Katalog so zu organisieren, dass ich solche Gegensatzpaare wiederfinde, hab ich anderswo beschrieben. Am Ende zählt für mich nicht, ob ein Bild dem Histogramm gefällt, sondern ob es dem Licht gerecht wird, das tatsächlich da war.