
Der Novembernebel drückt gegen die hohen Fenster hier im Hinterhof im Paulusviertel. Es ist einer dieser Vormittage, an denen das Licht in Halle einfach nicht weiß, ob es existieren will oder nicht. Auf meinem Arbeitstisch liegt eine frische Tuschezeichnung, die Linien noch fast feucht, daneben leuchtet das MacBook. Ein Raw-Foto vom Saale-Ufer flimmert auf dem Schirm. Es ist ein Bild von kleiner L. aus dem März 2024, damals, als alles anfing. Technisch ist es okay. Die Sony Alpha 6000 hat mit ihren 24,3 Megapixeln jedes Detail der Strickmütze eingefangen. Aber es sieht blass aus. Flach. Ohne die Tiefe, die ich mit meinen Pinseln so mühelos schaffe.
Ich starre auf das Histogramm oben rechts. Es sieht perfekt aus. Eine glatte Kurve. Aber mein Bauch sagt: Du hast keine Seele. Ich brauche mehr Schatten-Tiefe. Nicht dieses digitale Schwarz, sondern etwas Weiches, wie bei einer 4B-Bleistiftzeichnung, die man mit dem Finger leicht verwischt hat. Ich merke, wie ich nach meinem Apple Pencil greife, bevor ich mich erinnere, dass ich gerade in Lightroom bin und nicht in Procreate. Dieser Moment der Verwirrung ist typisch für mich. Seit ich im September 2024 dieses Preset-Paket für Reisefotografie entdeckt habe, versuche ich, die Regler so zu behandeln wie meine Farbnäpfe.
Warum das Histogramm nicht die ganze Wahrheit sagt
Nachdem ich im Mai 2024 diesen Lightroom-Komplettkurs nach Modul 4 abgebrochen habe, war ich erst mal frustriert. Der Lehrer dort redete ständig von technischer Perfektion und davon, wie man Clipping vermeidet. Aber als Illustratorin von der Burg Giebichenstein habe ich gelernt, dass ein Bild erst durch das Weglassen und das bewusste Betonen lebt. Ein Histogramm ist wie ein Lineal — nützlich, um den Rahmen zu zimmern, aber es malt nicht das Bild.
Wenn ich ein Familienfoto bearbeite, denke ich in Schichten. Das Raw-Format meiner alten Akademie-Kamera gibt mir dabei zum Glück den Spielraum, den ich brauche. Diese 12-Bit-Farbinformationen sind wie ein schweres Aquarellpapier, das viel Wasser aufsaugen kann, ohne sich zu wellen. Ich habe neulich erst darüber geschrieben, warum ich mich zwischen RAW oder JPEG für Familienfotos so klar entschieden habe — es ist genau diese Flexibilität in der Bearbeitung, die mir den illustrativen Look erst ermöglicht.

Ich schaue mir das Foto von L. an der Saale wieder an. Der APS-C Sensor mit seinem 1,5 Crop-Faktor macht den Hintergrund schön weich, aber die Belichtung ist zu gleichmäßig. Wie eine Malerei ohne Kontur. Ich fange an, den Belichtungsregler zu schieben. Nicht um das Bild hell zu machen, sondern um die erste 'Lasur' zu legen. Ich stelle mir vor, ich würde mit einem breiten Pinsel einmal über das ganze Papier gehen, um die Grundstimmung festzulegen.
Belichtung als erste Aquarell-Waschung
In meinem Lichtbildlabor-Tagebuch habe ich notiert, dass ich die Belichtung oft erst einmal ein Stück hochziehe, um dieses 'Licht-Atmen' zu erzeugen, das ich in meinen Kinderbuchillustrationen liebe. Aber dann kommt der entscheidende Schritt, der gegen alles verstößt, was ich in diesen vier Modulen des Fotokurses gelernt habe: Ich erhöhe nicht einfach den Kontrast-Regler. Der Kontrast-Regler in Lightroom ist mir oft zu grob, zu laut. Er macht die Kanten hart, wie ein billiger Filzstift.
Stattdessen senke ich die Belichtung in den Lichtern gezielt ab. Das ist mein kleiner Trick für diesen weichen, illustrativen Look. Wenn die hellen Stellen — die Lichtkante auf der Wange oder das Glitzern der Saale-Aue im Hintergrund — nicht einfach ausfressen, sondern eine sanfte Zeichnung behalten, wirkt das Bild sofort organischer. Es verliert dieses 'Fotografische'. Es wird zu einer Erzählung.
Ich erinnere mich an einen Auftrag im späten Herbst 2025. Eine junge Familie im Galgenberg-Viertel. Das Licht war schwierig, hingenommen zwischen den Häuserfronten. Ich habe die ISO bis auf 1600 hochgeschraubt. Die Sony Alpha 6000 kann zwar bis ISO 25600, aber da wird mir das Rauschen zu digital. Bei 1600 fühlt es sich eher wie eine leichte Körnung an, fast wie die Textur von Torchon-Papier. Ich habe die Belichtung in Lightroom dann so weit nach oben gezogen, dass die Schatten fast im Nebel verschwanden, und dann mit der Gradationskurve die Tiefe zurückgeholt. Das leise Kratzen meiner Feder auf Papier im Wechsel mit dem sanften Klicken der Maus, während das MacBook im abendlichen Hinterhof-Licht warm wird — das ist mein Rhythmus geworden.
Kontrast durch Schatten, nicht durch Regler
Echter Kontrast entsteht für mich nicht durch das Auseinanderreißen von Schwarz und Weiß. Er entsteht durch die Setzung von Akzenten. Wenn ich in einer Illustration eine dunkle Tuschelinie ziehe, überlege ich genau, wo sie die Form stützt. In Lightroom mache ich das jetzt ähnlich. Ich nutze den Regler 'Schwarz' viel öfter als den Regler 'Kontrast'. Ich ziehe das Schwarz nach links, bis die dunklen Bereiche in den Haaren oder in den Falten der Kleidung anfangen zu singen.
Mitte März hatte ich ein Shooting auf der Peißnitzinsel. Das Licht war hart, fast schon zu direkt. Ein klassischer Fall für das 'Moody'-Preset aus meinem Paket. Aber das Preset ist für mich nur die Grundierung. Die echte Magie passiert, wenn ich danach die Gradationskurve wie eine manuelle Farbmischung auf der Palette behandle. Ich ziehe die Kurve in den Tiefen ein kleines Stück nach oben, damit das Schwarz nicht 'stirbt', sondern ein dunkles, samtenes Grau wird.

Das erinnert mich an meine Schwarz-Weiß-Arbeiten. Manchmal ist Farbe einfach zu viel Ablenkung von der Form. Ich habe neulich in meinem Tagebuch festgehalten, warum ich Schwarz Weiß Fotos in Lightroom wie Tuschezeichnungen bearbeite. Es ist genau dieses Spiel mit Licht und Schatten, das ohne die Farbinformation noch deutlicher wird. Man sieht die Komposition klarer, die Linienführung des Lichts auf den Gesichtern.
Der intuitive Workflow: Wegwerfen gehört dazu
Gestern Abend spät hier im Atelier habe ich eine ganze Serie von Fotos verworfen. Sie waren technisch perfekt. Die Belichtung saß, der Kontrast war ausgewogen. Aber sie fühlten sich an wie ein Malbuch, bei dem man nicht über die Ränder malen darf. Ich hatte versucht, mich an die Regeln aus dem abgebrochenen Kurs zu halten. Ein Fehler. Ich muss das Bild fühlen, bevor ich es skizziere — oder eben bearbeite.
Was ich als Illustratorin am Lightroom-Workflow immer noch fremd finde, ist diese Linearität der Regler. In meinem Kopf ist ein Bild ein Kreis, kein Schieberegler. Aber ich lerne, die Regler zu 'missbrauchen'. Ich nutze die Luminanz-Masken, um nur bestimmte Lichtbereiche zu bearbeiten, fast so, als würde ich eine Maskierflüssigkeit im Aquarell benutzen.
Ein Blick in mein Lichtbildlabor-Tagebuch nach etwa sechs Monaten intensiver Arbeit zeigt mir: Mein Stil entsteht nicht durch technische Perfektion. Er entsteht durch das bewusste Brechen fotografischer Regeln zugunsten einer illustrativen Ästhetik. Wenn ich die Belichtung in den Lichtern absenke, um die Härte zu nehmen, dann ist das keine Korrektur eines Fehlers. Es ist eine künstlerische Entscheidung.
Wenn du selbst gerade dabei bist, deinen Stil zu suchen: Trau dich, die Regler mal in Richtungen zu schieben, die 'falsch' erscheinen. Schau dir deine Fotos nicht nur als Pixelhaufen an, sondern als Flächen und Linien. Wie würde ein Maler dieses Licht setzen? Wo würde er den Schatten tiefer machen, um die Aufmerksamkeit zu lenken? Vielleicht hilft es dir auch, deinen Lightroom Katalog so zu organisieren, dass du deine Experimente immer wiederfindest. Das hat mir geholfen, den Überblick über meine 'Skizzen' zu behalten. Am Ende geht es nicht um das Histogramm. Es geht um das Gefühl, das bleibt, wenn man das MacBook zuklappt und in die kühle Luft des Paulusviertels tritt.
" ,Halle ist im Mai am schönsten, wenn das Licht an der Saale dieses besondere Gold bekommt. Ich freue mich schon auf das nächste Shooting am Wochenende. Ohne Blitz, ohne Studio. Nur ich, meine Alpha 6000 und das Gefühl für den nächsten Pinselstrich — äh, Regler-Schub.