
Draußen ist alles bleiern. Ein grauer Novembernachmittag im Paulusviertel, das Licht kriecht nur mühsam durch die hohen Fenster meiner Hinterhof-Wohnung. Auf dem MacBook liegen die RAW-Dateien vom Wochenende an der Saale-Aue. Und sie sehen furchtbar aus. Flach. Leblos. Wie ein Aquarell, bei dem man zu viel Wasser und zu wenig Pigment erwischt hat.
Das Dilemma mit dem grauen Himmel
Wenn der Himmel über Halle eine einzige graue Fläche ist, wirkt er wie eine riesige Softbox. Keine harten Schlagschatten unter den Augen, das ist der Vorteil. Aber die Tonalität? Alles driftet in dieses kühle Blau ab. Meine Sony Alpha 6000, die ich damals im Studium an der Burg Giebichenstein für die Dokumentation meiner Illustrationen genutzt habe, fängt mit ihren 24.3 Megapixeln zwar jedes Detail ein, aber die Farbstimmung bei etwa 6500 Kelvin wirkt einfach nur trist. Es fehlt die Lichtkante, die ein Gesicht vom Hintergrund trennt.
Ich erinnere mich an diesen Moment im Mai, als ich entnervt Modul 5 meines Lightroom-Videokurses schloss. Ich werde nie eine „Histogramm-Leserin“. Ich brauche ein Gefühl für die Fläche, nicht für Kurven. Das leise, mechanische Klicken der Kamera im weiten Garten an der Saale fühlte sich damals fast wie ein Fremdkörper an, aber jetzt, am Rechner, suche ich genau diese Wärme, die ich sonst mit dem Pinsel erzeuge.

Natural Presets sind nur die Grundierung
Viele denken, ein „Natural Preset“ löst das Problem von bewölktem Wetter per Klick. Aber bei flachem Licht passiert oft das Gegenteil: Die Presets brennen die ohnehin schon geringen Kontraste zusätzlich ein. Das Bild wird nicht freundlicher, sondern nur dunkler und matschiger. Ich betrachte ein Preset heute eher wie Gesso auf Holz – es ist die Grundierung, nicht das fertige Werk.
Wenn ich Fotos von J. und ihrer kleinen Tochter bearbeite, die wir zwischen Regenschauern auf der Peißnitzinsel gemacht haben, merke ich: Die typischen Automatik-Looks versagen. Ich muss intuitiv gegensteuern. Anstatt die Sättigung global hochzudrehen, was bei Hauttönen schnell künstlich wirkt, arbeite ich wie bei einer Tusche-Zeichnung. Ich verstärke die Kontraste dort, wo sie die Bildkomposition stützen, und lasse den Rest weich auslaufen.
Warum ich Sättigung manuell nachmale
Mein wichtigster Learning-Moment diesen Herbst: Verzichte bei bewölktem Wetter auf die Standard-Vorgaben für Sättigung in den Presets. Wenn das Licht fehlt, wirken die Farben in den RAW-Dateien oft wie unter einer Staubschicht. Ein fertiges „Natural“ Preset nimmt oft noch mehr Dynamik raus, um diesen hippen, entsättigten Look zu erzielen. Aber Familienfotos in der Saale-Stadt sollen doch leben!
Ich mache es jetzt so: Ich lege das Preset drüber, reduziere aber sofort die voreingestellte Kontrast-Erhöhung. Dann gehe ich in die Farbmischung. Ich hebe das Orange und Gelb der Hauttöne ganz leicht an – wie ein Hauch Lasurfarbe. Das rettet die Stimmung, ohne dass es nach „Filter“ aussieht. Es ist ein schmaler Grat. Manchmal wähle ich stattdessen auch andere Wege, warum ich für meine Familienporträts an der Saale meistens Moody Presets wähle, wenn das Grau des Himmels so gar nicht weichen will und ich die Melancholie lieber umarme, statt sie wegzubügeln.

Der Workflow zwischen Skizzenbuch und iPad
Oft sitze ich spät am Abend im Atelier, die 20 GB Cloud-Speicher von Lightroom Mobile sind fast voll, und ich schiebe die Regler auf dem iPad hin und her. Das fühlt sich natürlicher an als mit der Maus. Ich bearbeite ein Foto, verwerfe es, fange neu an. Genau wie bei einer Illustration, bei der die Linienführung erst beim dritten Versuch sitzt.
Was mich an Lightroom immer noch befremdet, ist diese technische Linearität. Aber ich lerne, sie zu ignorieren. Ich achte nicht mehr darauf, ob der Weißabgleich mathematisch korrekt bei 6500 Kelvin liegt. Ich frage mich: Fühlt es sich an wie dieser Nachmittag? Hat das Licht diese Weichheit, die ich an der Saale so liebe? Manchmal hilft es auch, störende Elemente in Lightroom zu entfernen für einen cleanen Illustrator-Look, damit die Ruhe der bewölkten Stimmung nicht durch ein grelles Müllauto im Hintergrund gestört wird.
Mein Fazit für graue Tage
Bewölktes Wetter ist kein Grund für blasse Gesichter. Es ist die perfekte Leinwand. Die Natural Presets geben mir die Richtung vor, aber die Wärme muss ich selbst hineinlegen. Es ist wie beim Malen: Das Licht kommt nicht aus der Tube, man muss es durch Schichten erzeugen. Wenn ich am Ende die Galerie an die Eltern schicke und sie sagen „Oh, was für ein schönes Licht“, obwohl es eigentlich nur ein grauer Dienstag in Glaucha war, dann weiß ich, dass mein Illustratorinnen-Auge gewonnen hat. Vielleicht schreibe ich demnächst mal darüber, wie ich einen Cinematic Look in Lightroom erstellen kann mit Reise-Presets, denn auch die funktionieren bei Wolken erstaunlich gut, wenn man sie nicht als Gesetz, sondern als Vorschlag begreift.