
Spät abends im Atelier im Paulusviertel. Das Licht der StraÃenlaternen wirft lange, unregelmäÃige Schatten auf den Dielenboden meiner Hinterhof-Wohnung. Auf dem Tisch steht ein Glas Wasser mit blauen Aquarellresten, daneben mein MacBook. Ich vergleiche eine neue Skizze mit einem Foto vom Nachmittag. Das Foto ist technisch okay. Sauber. Scharf. Aber es fühlt sich nicht nach mir an. Es hat nicht diese sanfte Führung, die ich meinen Illustrationen mit einer Lasur aus verdünnter Tusche gebe.
Seit ich im September 2024 angefangen habe, meinen eigenen Bearbeitungsstil zu suchen, ist das mein gröÃter Kampf: Die Sony Alpha 6000 spuckt 24,3 Megapixel an Realität aus. Das ist viel Information. Zu viel. Mein Auge verliert sich in den Ecken des APS-C Sensors (23,5 x 15,6 mm), anstatt dort zu bleiben, wo die Geschichte passiert. In meinen Zeichnungen schlieÃe ich die Ränder intuitiv. Ich lasse die Linienführung zum Rand hin schwächer werden. In Lightroom wirkte das für mich anfangs wie Zauberei â oder wie ein technisches Hindernis.
Vignettierung: Mehr als nur dunkle Ecken
Ich erinnere mich an den Lightroom-Kurs, den ich nach Modul 4 abgebrochen habe. Zu viel Theorie über Histogramme, zu wenig Gefühl für die Bildkomposition. Aber ein Wort blieb hängen: Vignettierung. Damals dachte ich an diese schrecklichen, harten schwarzen Ränder. Dieses frustrierende Gefühl, als ein Foto durch eine zu harte Vignette plötzlich wie ein billiger Handy-Filter aus dem Jahr 2012 aussah. Das war nicht verträumt. Das war bedrückend. Wie ein Tunnelblick.

Aber im späten August 2025, bei einem Shooting in der Saale-Aue, begriff ich es. Das Licht fiel schräg durch die Weiden, und die Schatten der Blätter tanzten auf dem Gras. Ich wollte diesen Fokus behalten, ohne das Bild mit Kontrasten zu erschlagen. Ich öffnete das Panel âEffekteâ in Lightroom. Der Regler für die Vignettierung reicht von -100 bis +100. Die meisten nutzen ihn, um abzunkeln (-). Aber was, wenn man ihn in die andere Richtung schiebt? Was, wenn man den Rand nicht schlieÃt, sondern öffnet?
Das war der Moment, in dem ich anfing, das Werkzeug wie einen Pinsel zu betrachten. Wenn ich eine Illustration anlege, nutze ich oft WeiÃraum oder sehr helle Verläufe, um den Blick zu lenken. Warum nicht auch beim Foto? Eine helle Vignette kann wirken wie ein Nebel, der sich sanft um das Hauptmotiv legt. Ein ätherischer Glow, der das Bild nicht einsperrt, sondern atmen lässt.
Der Illustratorinnen-Trick: Die weiche Kante
In Lightroom gibt es diesen Standardwert für die âWeiche Kanteâ, er steht meistens auf 50. Für mich als Illustratorin ist das oft noch zu hart. Ich arbeite mit extrem hohen Werten, oft über 80 oder sogar 90. Ich will keine Kante sehen. Ich will einen Ãbergang fühlen, der so subtil ist wie ein Aquarellverlauf auf nassem Papier. Der Geruch von nassem Papier und kaltem Kaffee im Hinterhof-Atelier kommt mir in den Sinn, während drauÃen der Wind gegen die alten Fensterflügel drückt. Genau diese Ruhe brauche ich beim Bearbeiten.
Letzte Woche bei einem Termin an der Saale habe ich eine junge Familie fotografiert. Das Kind rannte immer wieder aus dem Fokus, das Licht war wechselhaft. Am MacBook merkte ich: Die Komposition war etwas unruhig. Durch eine gezielte Vignettierung im Modus âPriorität Prioritätâ konnte ich die hellen Bildbereiche im Zentrum schützen, während die Ränder ganz sanft zurücktraten. Es ist wie eine Lichtkante, die man nachträglich setzt. Manchmal hilft es auch, den Bildausschnitt für moderne Familienfotos erst einmal grob zu wählen und dann mit der Vignette die finale Gewichtung vorzunehmen.
Drei Modi für unterschiedliche Stimmungen
- Priorität Priorität: Mein Favorit. Er erhält die Farben und Lichter am natürlichsten. Es fühlt sich am ehesten nach echter Optik an.
- Farbpriorität: Gut, wenn man will, dass die Sättigung in den dunklen Bereichen erhalten bleibt. Nutze ich selten, da es oft zu âfotografischâ und zu wenig âmalerischâ wirkt.
- Ãberlagerung: Sehr kontrastreich. Erinnert mich an alte Drucktechniken.

Wenn das Licht den Rand küsst
Ein grauer Vormittag im Februar 2026. Ich saà an den Fotos eines Neugeborenen-Shootings im Paulusviertel. Die Wohnung war hell, aber die Wände wirkten auf den Fotos fast klinisch weiÃ. Hier habe ich zum ersten Mal bewusst mit einer positiven Vignette gearbeitet. Ich habe die Ränder leicht aufgehellt (+15 bis +25) und die weiche Kante auf Maximum gestellt. Plötzlich verschwanden die harten Zimmerecken in einem weichen, weiÃen Nichts. Das Baby im Zentrum wirkte, als würde es in einer Wolke liegen.
Das ist das Geheimnis des Bilderbuch-Looks. Es geht nicht um Schärfe. Es geht um das, was am Rand verschwindet. Wenn ich in Lightroom Belichtung und Kontrast intuitiv wie eine Illustration bearbeite, ist die Vignette oft der letzte Schritt. Sie ist wie der Firnis auf einem Ãlbild oder die letzte feine Tuschelinie, die alles zusammenhält. Ich schaue mir das Bild an, kneife die Augen leicht zusammen â eine Angewohnheit aus dem Studium an der Burg â und prüfe, ob mein Blick sofort zum Kern der Geschichte wandert.
Mitte Oktober hatte ich ein Shooting auf der PeiÃnitzinsel. Goldene Stunde. Das Licht war perfekt, aber im Hintergrund waren zu viele Spaziergänger. Anstatt sie mühsam wegzustempeln, habe ich eine dunkle, sehr weiche Vignette genutzt, um die Ränder in den Schatten der Saale-Aue absinken zu lassen. Die Menschen wurden zu schemenhaften Formen, die den Fokus nur noch mehr auf das lachende Paar im Vordergrund lenkten. Wenn man zusätzlich noch den Vordergrund unscharf macht, entsteht eine Tiefe, die fast dreidimensional wirkt.
Fehler, die ich gemacht habe (und du nicht musst)
Manchmal verliere ich mich im Prozess. Dann schiebe ich die Regler zu weit. Einmal, bei einem Auftrag für eine befreundete Illustratorin, wollte ich es besonders âmoodyâ machen. Ich zog die Vignette tief ins Minus, vergaà aber die weiche Kante anzupassen. Das Ergebnis sah aus wie ein Guckloch. Es war furchtbar. Ich habe alles rückgängig gemacht und von vorn begonnen. Der Trick ist: Wenn du siehst, dass eine Vignette da ist, ist sie meistens zu stark. Sie sollte wirken, ohne sich aufzudrängen.

Ein weiterer Punkt: Die Mittelpunkt-Einstellung. Lightroom erlaubt es uns, zu bestimmen, wie weit die Vignette in die Mitte reicht. Ich neige dazu, den Mittelpunkt eher weit auÃen zu lassen. Ich will den âBilderbuch-Glowâ nur als sanfte Rahmung, nicht als alles verschlingenden Nebel. Besonders bei Aufnahmen mit meiner alten Sony, die ja einen APS-C Sensor hat, muss man aufpassen, dass die Proportionen stimmen. Was auf dem kleinen Display gut aussieht, kann am groÃen Monitor im Atelier plötzlich erdrückend wirken.
Heute, im Juli 2026, ist die Vignettierung für mich kein technisches Korrekturwerkzeug mehr. Sie ist ein Gestaltungsmittel. Wenn ich die Fotos der letzten Woche sehe â die Kinder, die im hohen Gras an der Saale spielen â, dann sehe ich nicht nur Pixel. Ich sehe Lichtführung. Ich sehe, wie die Ränder sanft verblassen, genau wie in meinen liebsten Kinderbüchern. Es ist ein Gefühl von Geborgenheit, das man durch das gezielte Weglassen von Bildinformationen erzeugt. Ein bisschen wie beim Zeichnen: Man muss wissen, wann man den Stift absetzt.