
Spät abends in meinem Atelier im Paulusviertel. Um mich herum liegen halbfertige Aquarell-Skizzen für ein neues Kinderbuch, die Luft riecht nach Tusche und abgestandenem Tee. Auf dem MacBook strahlt mich ein Familienporträt an, das ich letzte Woche in der feuchten Mittagshitze an der Saale-Aue aufgenommen habe. Das Licht war flach, fast klebrig. Aber während ich mit dem Stift über das Display fahre, merke ich: Ich bearbeite dieses Foto gerade genau wie ein Buchcover. Ich male Licht dort hinein, wo die Sonne zu schwach war.
Bevor ich dir erzähle, wie ich meine Fotos wie Illustrationen schichte, ein kurzer Hinweis: Diese Seite enthält Affiliate-Links. Wenn du über einen dieser Links ein Preset-Paket oder einen Kurs kaufst, bekomme ich eine Provision — für dich entstehen keine Mehrkosten. Ich verlinke nur Produkte, die ich selbst bezahlt und in echten Familien-Aufträgen getestet habe, wie mein geliebtes 100er Preset-Paket für den Workflow.
Vom technischen RAW zum malerischen Gefühl
Als ich im März 2024 anfing, mit meiner alten Sony Alpha 6000 — die ich seit meinem Diplom an der Burg Giebichenstein kaum angefasst hatte — Familien zu fotografieren, war ich frustriert. Die Bilder waren technisch okay, aber sie fühlten sich leer an. Sie hatten nicht diese Tonalität, diese weiche Linienführung, die meine Zeichnungen ausmacht. Ich holte mir den Adobe Lightroom Classic Komplettkurs, um das Handwerk zu verstehen.
Ehrliches Geständnis: Nach Modul 4 habe ich abgebrochen. Ich saß zwei Stunden lang fassungslos vor Modul 5 und versuchte, mich für die Katalog-Datenbank-Verwaltung zu interessieren, während mein Gehirn einfach nur mit den Gradationskurven spielen wollte. Diese lineare Logik — erst sortieren, dann importieren, dann systematisch abarbeiten — widerspricht allem, wie ich als Illustratorin arbeite. Ich muss ein Bild fühlen, bevor ich es skizziere. Ich brauchte einen intuitiven Weg.

Die Entdeckung der Masken: Wenn Lightroom zum Pinsel wird
Der „Aha-Moment“ kam, als ich die selektive Korrektur entdeckte. In der Illustration arbeite ich auf dem iPad ständig mit Ebenen und Masken. Warum sollte ich das in der Fotografie anders machen? Ich erwischte mich bei dem Gedanken: Wenn ich eine Aquarell-Lasur maskieren kann, um die Papierstruktur zu erhalten, warum lasse ich dann diese Software entscheiden, dass der ganze Himmel gleichzeitig dunkler werden muss?
Die selektive Korrektur in Lightroom fühlt sich für mich an wie das Setzen einer Lichtkante in einer Zeichnung. Ich nutze den Pinsel nicht, um „Fehler“ zu korrigieren, sondern um die Komposition zu lenken. Letzte Woche bei dem Shooting mit der kleinen L. an der Saale gab es diesen einen Moment im Schatten der Weiden. Das Gesicht war zu dunkel, der Hintergrund fraß das Motiv auf. Anstatt den Belichtungsregler für das ganze Bild hochzureißen (was alles flach gemacht hätte), habe ich nur das Gesicht maskiert.
Es ist dieses ganz spezifische Gefühl: Die Reibung meines Wacom-Stifts auf dem Screen, wenn ich manuell das Licht auf den Haaren eines Kindes aufhelle. Es fühlt sich an, als würde ich eine letzte Lasur weißer Gouache auftragen, um einen Glanzpunkt zu setzen. In solchen Momenten verschwimmen Fotografie und Zeichnung für mich.
Mein Workflow zwischen Windeln und Workstation
Als Illustratorin mit einem Kleinkind habe ich keine drei Stunden am Stück Zeit. Mein Gehirn ist auf kurze, präzise Sprints programmiert. Das ist der Grund, warum ich Standard-Tutorials oft so anstrengend finde — sie setzen eine Konzentrationsspanne voraus, die man als Mutter im Paulusviertel-Alltag einfach nicht hat.
Mein aktueller Workflow sieht so aus:
- Import der RAWs am MacBook (ich liebe die Synchronisation mit Lightroom Mobile, um zwischendurch im Café am Steintor schon mal auszusortieren).
- Anwenden eines Presets aus dem Paket mit den 100 Looks. Meistens lande ich bei „Moody“ oder „Cinematic“.
- Und dann kommt der Teil, der am meisten Spaß macht: Die selektive Maskierung.
Ich habe neulich ein Foto von einem Picknick verworfen, weil ich versucht hatte, es „richtig“ nach Lehrbuch zu bearbeiten. Es sah langweilig aus. Erst als ich wieder anfing, Belichtung und Kontrast intuitiv wie eine Illustration zu behandeln — mit tiefen Schatten im Vordergrund und einem sehr gezielten Lichtspot auf die Hände, die den Apfel halten — atmete das Bild plötzlich.

Warum „Moody“ die Saale-Aue rettet
Diesen September habe ich viel mit den 13 verschiedenen Stilrichtungen aus meinem Preset-Paket experimentiert. Ein großer Durchbruch war ein Shooting am Galgenberg. Das Grün der Wiesen war dieses typische, schreiende Spätsommer-Grün, das auf Fotos oft billig wirkt. Ich fühlte eine plötzliche Entspannung in meinem Nacken, als das „Moody“-Preset endlich dieses unruhige Grün der Saale-Aue mit meiner gewohnten Illustrations-Palette vereinte. Es nahm die Sättigung genau dort raus, wo sie störte, und gab den Schatten eine Wärme, die an Sepia-Tusche erinnert.
Für mich ist die selektive Korrektur auch ein Werkzeug, um Tiefe zu erzeugen. Ich nutze sie oft, um den Vordergrund unscharf oder dunkler zu machen. Das lenkt den Blick, genau wie ich es bei einer Buchillustration tun würde, wo die Rahmung durch Blätter oder Architektur den Fokus auf die Hauptfigur setzt.
Das Lichtbildlabor-Tagebuch: Intuition schlägt Curriculum
Jede Woche schreibe ich in mein Lichtbildlabor-Tagebuch, welche Looks funktioniert haben. Es ist kein systematisches Logbuch, eher eine Sammlung von Beobachtungen. Gestern Abend: „Der Cinematic-Look bei den Geschwisterfotos in Glaucha war zu hart. Die Lichtkante an den Schultern wirkte wie Plastik. Zurückgenommen, Maske weicher gemacht. Jetzt fließt es.“
Ich glaube, für Kreative, die aus anderen Disziplinen kommen, ist es wichtig zu wissen: Du musst nicht alle 40 Lektionen eines Kurses auswendig können, um einen eigenen Stil zu finden. Es reicht oft, sich die Rosinen picken — wie die Maskierung und die Tonwertkorrektur — und den Rest so zu biegen, dass er zur eigenen Hand passt. Wer wie ich eher visuell-intuitiv tickt, sollte sich den Lightroom Grundkurs genau so anschauen: Als Werkzeugkasten, aus dem man sich bedient, nicht als Gesetzbuch.

Am Ende geht es darum, dass sich die Fotos nach *dir* anfühlen. Wenn ich ein Familienporträt fertig editiert habe und es neben eine meiner Aquarell-Zeichnungen legen kann, ohne dass es sich wie ein Fremdkörper anfühlt, dann weiß ich: Der Workflow passt. Die selektive Korrektur ist dabei mein wichtigster Pinsel geworden. Wenn du auch diesen malerischen Look suchst, probier mal aus, Vignettierung und Masken wie im Bilderbuch zu nutzen. Es verändert alles.
Vielleicht sehen wir uns ja mal auf einen Kaffee im Paulusviertel oder bei einem Shooting an den Saale-Wiesen. Bis dahin: Trau dich, die Regler so zu schieben, wie du es fühlst, nicht wie das Histogramm es verlangt.