
RAW oder JPEG: Was nimmst du, wenn eine Familie dich um ein paar entspannte Fotos bittet und du kein Studio hast, sondern nur das Nachmittagslicht? Die Frage taucht in meinem Atelier im Paulusviertel immer wieder auf, seit ich neben der Illustration Familienfotos in Halle (Saale) mache. Eine Antwort, die in einen Satz passt, habe ich darauf nicht.
Die kurze Version zuerst: Für Familienbilder, die hinterher noch geformt werden sollen, nehme ich RAW. JPEG bleibt für die Momente, in denen ich nur schnell dokumentiere. Warum das für meinen Lightroom-Workflow als Illustratorin so eindeutig ausfällt, hängt an einer einzigen Eigenschaft der Rohdatei.
Der Spielraum der ARW-Datei
Eine ARW-Datei meiner alten Sony Alpha 6000, der Begleiterin aus der Burg-Zeit, speichert 12 Bit an Rohdaten. Das klingt nach trockener Technik, ist aber der ganze Punkt: Tiefen lassen sich in Lightroom anheben und Lichter zurückhalten, ohne dass sichtbar Qualität verloren geht. Beim JPEG direkt aus der Kamera ist dieser Spielraum kaum vorhanden. Die Kamera hat die Entscheidung, wie das Licht am Ende aussieht, schon für mich getroffen.
Für eine Illustratorin ist das leicht zu übersetzen. Schatten in einer Rohdatei anzuheben fühlt sich an wie Wasser in ein Aquarell zu geben — der Ton öffnet sich, statt zu brechen. Ein JPEG dagegen ist der fertige Druck auf billigem Kopierpapier. Einmal raus, kaum noch zu biegen.
So baue ich den RAW-Workflow im Lightroom auf
Der Weg ist bei jedem Auftrag der gleiche. Import als RAW, Weißabgleich zuerst — nicht nach Zahl, sondern nach Gefühl fürs vorhandene Licht. Dann die Tiefen anheben, die Lichter zurücknehmen, ganz zum Schluss der Look. Was schon in der Kamera stimmen muss, damit im Rohbild überhaupt genug Substanz landet, habe ich in meine Sony Alpha 6000 Einstellungen für natürliche Familienfotos im Freien festgehalten.
Ziehe ich dann einen weichen Look auf, liegen auf einmal genau die Farben im Bild, die ich sonst mit Tusche und Aquarell mische — ob ein Auftrag eher ins Weiche oder ins Dunkle kippt, entscheide ich später beim Moody vs Natural Look. Das Preset ist Grundierung, nicht das fertige Bild.

Wann rettet RAW den Auftrag wirklich?
Eine Serie im Volkspark Halle, auf der Rosengarten-Weginsel: Gegenlicht, ein Kind rennt aus dem Schatten ins helle Feld, der Himmel dahinter nur noch eine weiße Fläche. Im JPEG ein Loch, einfach weg. In der Rohdatei hole ich die Zeichnung in den Wolken zurück, zarte Graustufen wie eine Bleistiftschraffur unter einer Lasur. Das harte Gegenlicht lese ich schon vor dem Auslösen — aber das ist ein Thema für sich.
Henning, einer meiner Auftragsväter, besteht auf mindestens einem Schwarz-Weiß-Bild pro Serie. Genau da zahlt sich der Spielraum aus. Wer die Farbe wegnimmt, schiebt die Tonwerte, und ein Rohbild hält das aus, ohne dass die Übergänge abreißen — die Tonwertkorrektur läuft dann durch wie ein sauberer Aquarell-Verlauf.
RAW ist kein Freifahrtschein
Trotzdem ist RAW kein Freifahrtschein. Man kann sich darin verlieren. An einem Porträt hatte ich den Klarheit-Schieber zu weit aufgezogen — Klarheit wirkt wie Tusche-Druck, zu viel davon und die Kinderhaut wird hart und grafisch. Also wieder zurück. Das Bild soll leben, nicht kratzen. Und die Archivierung? Die lässt meine kleine Festplatte ächzen.

Ein Umweg, den ich nicht wiederhole: Hauttöne mit Photoshop-Ebenenmasken zu retten, so wie ich beim digitalen Illustrieren Flächen maskiere. Im Foto-Workflow hat das nie gepasst — Hauttöne sind ihr eigenes Kapitel, das ich an anderer Stelle ausbreite. RAW plus ein Preset als Grundierung bringt mich intuitiv schneller ans Ziel als jedes systematische Schema.
Mein Freund Tilo, Buchgestalter aus Leipzig, hält Presets ohnehin für eine Krücke und entwickelt jedes Bild von Hand. Wir streiten darüber beim Kaffee. Für ihn ist das Handarbeit, für mich ist das Preset nur der erste Pinselstrich, den ich danach übermale.
Meine Faustregel für den nächsten Auftrag
Am Schreibtisch aus der alten Druckertür, iPad und MacBook nebeneinander, sortiere ich die Serie im gleichmäßigen Nordlicht, das nie direkte Sonne hereinlässt und keine Farbe schönlügt. Wenn ich den Korrekturpinsel übers iPad-Glas ziehe, kratzt der Apple Pencil leise, und für einen Moment fühlt sich das Entwickeln wieder wie Zeichnen an. Familien fotografiere ich seit gut zwei Jahren so, neben der Illustration.
Bleibt die Faustregel, die ich jedem mitgebe, der mit Familienfotos anfängt: Nimm RAW, wenn du das Bild hinterher noch fühlen und formen willst, und JPEG, wenn reines Dokumentieren reicht. Das alte Problem, dass Bilder zu blass aus der Kamera kommen, verliert damit seinen Schrecken. Die Festplatte ächzt, ja. Für mich ist der Spielraum es wert.