Vordergrund unscharf machen in Lightroom für mehr Tiefe in Familienporträts

Vordergrund unscharf machen in Lightroom für mehr Tiefe in Familienporträts

Ich knie im hohen Gras am Saale-Ufer. Die Sonne steht tief. Ein goldener Schimmer auf den Halmen. Ich versuche, ein lachendes Kleinkind durch die Gräser hindurch zu fokussieren. Ein malerischer Moment. Denke ich zumindest in diesem Augenblick, während die Saale leise im Hintergrund plätschert.

Der flache Blick am MacBook im Paulusviertel

Zurück im Atelier im Paulusviertel. Der Kaffee dampft, die Hinterhof-Sonne wirft lange Schatten auf meinen Zeichentisch. Auf dem MacBook sehen die Rohdateien meiner Sony Alpha 6000 ernüchternd aus. Irgendwie flach. Trotz der 24,3 Megapixel wirkt alles so... zweidimensional. Als Illustratorin bin ich es gewohnt, Tiefe durch lasierende Farbschichten im Vordergrund zu erzielen. In der Fotografie scheint das schwieriger zu sein.

Mein kleiner APS-C Sensor hat bauartbedingt eine größere Schärfentiefe als die teuren Vollformat-Kameras. Durch den Formatfaktor von 1,5 (Crop-Faktor) verschwimmt der Vordergrund oft nicht so von allein, wie ich es mir wünsche. Die Bilder wirken technisch okay, aber ihnen fehlt das Geheimnisvolle. Das Gefühl, dass man als Betrachter gerade heimlich durch ein Gebüsch lugt und einen echten Moment beobachtet.

Eine Sony Alpha 6000 Kamera liegt im hohen, sonnenbeschienenen Gras an der Saale.

Die Suche nach dem Repoussoir

In der Kunsthochschule haben wir viel über das Repoussoir gelernt. Ein Element im Vordergrund, das den Blick in die Tiefe leitet. In meinen Aquarellen setze ich da oft nur einen zarten, verwaschenen Farbfleck hin. In Lightroom versuche ich jetzt, genau das nachzuahmen. Ich habe ja diesen starren Kurs nach Modul 4 abgebrochen. Zu viel Theorie, zu wenig Gefühl. Ich arbeite lieber intuitiv.

Wenn ich heute ein Familienfoto bearbeite, suche ich zuerst nach Linien. Wo führt der Weg hin? Wenn ich beim Shooting an der Saale-Aue Gräser oder Äste vor die Linse genommen habe, sind die oft noch zu scharf. Sie lenken ab, statt zu leiten. Ich brauche diese weiche Lichtkante, die den Fokus sanft auf die Gesichter schiebt. Es geht nicht darum, alles matschig zu machen. Es geht um die Betonung der Mitte.

Nahaufnahme eines MacBook-Bildschirms bei der Bearbeitung der Objektivunschärfe in Adobe Lightroom.

Experimente mit der KI-Objektivunschärfe

Letzten September habe ich angefangen, mit dem 'Natural'-Look aus meinem Preset-Paket zu experimentieren. Das passt wunderbar zu meinem Illustrationsstil. Aber der wirkliche Durchbruch kam mit der KI-Maskierung für die Objektivunschärfe. Lightroom erstellt dabei eine Tiefenkarte des Bildes. Fast wie eine Skizze, bei der man festlegt, was nah und was fern ist.

Ich denke mir oft: Eigentlich ist dieses Foto auch nur eine digitale Leinwand – ich muss nur lernen, wo ich den Weichzeichner-Pinsel ansetze. Ich nehme mir die Maske und male den Bereich im Vordergrund vorsichtig weich. Dabei achte ich darauf, dass es nicht künstlich aussieht. Ein kleiner Trick aus der Malerei: Ich nehme im unscharfen Vordergrund oft ein wenig Sättigung raus. Genau so, wie ich es mit Aquarellfarben tun würde, um Dinge optisch nach vorne oder hinten zu rücken. Wie man die Belichtung und Kontrast in Lightroom intuitiv wie eine Illustration bearbeiten kann, hilft mir dabei enorm, das Gleichgewicht zu halten.

Aquarellpalette und digitaler Zeichenstift auf einem Zeichentisch im Paulusviertel.

Warum zu viel Unschärfe die Nähe klaut

Aber Vorsicht. Das ist meine wichtigste Erkenntnis aus dem letzten Monat im Lichtbildlabor-Tagebuch: Künstliche Unschärfe im Vordergrund wirkt bei Familienfotos oft deplatziert, wenn sie zu extrem ist. Sie isoliert die Menschen. Wenn ich die Mutter und das Kind zu stark vom Rest der Welt abschneide, geht die natürliche Verbundenheit verloren. Es sieht dann aus wie ein Studiofoto vor einer Leinwand – und genau das wollte ich ja vermeiden.

An einem schwülen Nachmittag im Juni hatte ich ein Shooting in einem Hinterhof in Glaucha. Überall standen Blumentöpfe. Ich habe versucht, durch die Blätter einer Hortensie zu fotografieren. In Lightroom musste ich die Unschärfe später wieder reduzieren. Die Blätter waren so weichgezeichnet, dass sie wie grüne Flecken auf der Linse wirkten. Hässlich. Manchmal ist weniger eben mehr. Ich will die Umgebung spüren, nicht löschen. Es muss atmen.

Ein ausgedrucktes Familienfoto mit unscharfem Vordergrund neben einer Skizze an einer Pinnwand.

Mein Fazit im Lichtbildlabor-Tagebuch

Das Kitzeln der trockenen Gräser an meinen Unterarmen, während ich die Kamera ganz nah am Boden halte – das ist das Gefühl, das ich im fertigen Bild transportieren will. Ein unscharfer Vordergrund macht den Betrachter zum Teil der Szene. Er steht mit mir im Gras. Er beobachtet nicht nur, er ist dabei. Das ist die Magie, die ich früher nur mit Tusche und Pinsel kannte.

Früher habe ich oft gezweifelt, ob meine Fotos gut genug sind. Ich dachte, ich bräuchte eine riesige Ausrüstung. Aber eigentlich brauche ich nur meinen Blick als Illustratorin. Wenn ich heute ein Bild bearbeite, fühle ich mich ein bisschen wie beim Lasieren einer Zeichnung. Erst die groben Flächen, dann die feinen Nuancen. Manchmal merke ich erst spät, warum ich Schwarz Weiß Fotos in Lightroom wie Tuschezeichnungen bearbeite – oft liegt es daran, dass die Tiefe im Farbbild nicht stimmte und ich sie über Kontraste neu aufbauen muss.

Tiefe ist kein technischer Wert. Sie ist ein Gefühl. In Lightroom habe ich endlich die Werkzeuge gefunden, um dieses Gefühl aus den flachen Sony-Dateien herauszukitzeln. Ohne Fotostudio. Ohne Blitzanlage. Einfach nur ich, mein MacBook und die Erinnerung an das Licht an der Saale.