
Einen späten Abend letzte Woche saß ich wieder am MacBook. Das leise Summen des Lüfters in der stillen Hinterhof-Wohnung war das einzige Geräusch, während sich das kühle blaue Licht des Bildschirms mit dem warmen Gelb der Straßenlaternen im Paulusviertel mischte. Auf dem Schirm: ein Foto vom kleinen M., wie er über die Saale-Wiesen rennt. Er lacht, die Haare fliegen, aber seine Füße sind ganz knapp am unteren Bildrand abgeschnitten. Technisch gesehen ein Fehler. In jedem Fotokurs das erste, was sie dir ankreiden. Aber ich starrte auf das Bild und spürte diesen Impuls. Wenn ich das jetzt zeichnen würde, mit Tusche und Feder, würde ich genau diese Bewegung wollen. Den Drang nach vorn. Die Unvollkommenheit.
Das Gitter im Kopf einreißen
Erinnerst du dich an diesen Lightroom-Komplettkurs, den ich im Mai 2024 angefangen habe? Nach Modul 4 war Schluss. Ich konnte dieses Gerede von der „Drittel-Regel“ nicht mehr hören. Dieses starre Raster, das sich wie ein Käfig über das Motiv legt. Als ich an der Burg Giebichenstein Illustration studiert habe, haben wir gelernt, wie Linien führen, wie Massen ein Bild gewichten. Das ist kein Raster. Das ist ein Tanz. In Lightroom drückst du die Taste 'R' und da ist es wieder: das Gitter. Aber ich versuche jetzt, es öfter zu ignorieren.
Manchmal schließe ich kurz die Augen, bevor ich den Regler für den Beschnitt anfasse. Ich überlege: Wo ist die Energie im Bild? Wenn ich die Komposition skizzieren würde, wo wäre die dickste Linie? Oft ist das eben nicht genau auf einer der Gitterlinien. Ein moderner Bildausschnitt lebt für mich von der Spannung, nicht von der mathematischen Korrektheit. Wenn ein Kind aus dem Bild herausrennt, erzeugt das eine Geschichte. Wo will es hin? Was sieht es dort? Das ist viel spannender als ein perfekt zentriertes Porträt, das wie ein Passbild wirkt.

Weißraum ist kein Verschnitt
In meinen Kinderbuch-Illustrationen liebe ich den Weißraum. Diese Flächen, in denen nichts passiert, damit das Auge ausruhen kann. Bei Familienfotos in der Saale-Aue ist das genauso. Früher dachte ich, ich müsste so nah wie möglich ran. Gesichter, groß und scharf. Aber heute weiß ich: Das „Dazwischen“ erzählt oft mehr. Ein weiter Ausschnitt, bei dem die Familie fast klein wirkt unter den alten Weiden am Ufer, fängt das Gefühl eines Nachmittags viel besser ein als ein enges Porträt.
Ich nenne das „Breathing Room“. Luft zum Atmen. Wenn ich in Lightroom den Ausschnitt wähle, lasse ich oft bewusst viel Platz in die Blickrichtung der Personen. Oder ich lasse oben viel Himmel, auch wenn er nur eine graue Fläche ist. Das gibt dem Foto eine Tonalität, die an ein Aquarell erinnert, bei dem die Farbe sanft zum Rand hin ausläuft. Es geht um den Negativraum. Statt den Fokus nur auf das Hauptmotiv zu legen, erzeugt dieser bewusste Leerraum am Bildrand oft eine emotionalere Erzählung als der klassische, enge Beschnitt auf die Gesichter. Es fühlt sich weniger nach „Shooting“ an und mehr nach einem echten Moment.
Die Technik als Diener, nicht als Herr
Natürlich gibt es technische Grenzen. Meine alte Sony Alpha 6000, die ich während des Studiums für Referenzfotos genutzt habe, hat einen Sensor mit 24.3 Megapixeln. Das klingt nach viel, aber wenn man zu radikal schneidet, verliert das Bild an Tiefe. Es wird flach. Ich versuche deshalb, schon beim Fotografieren in der Saale-Stadt den ungefähren Ausschnitt im Kopf zu haben. Der Sensor hat ein natives Seitenverhältnis von 3:2. Das ist mein Ausgangspunkt, meine Leinwand.
Wenn ich aber weiß, dass die Fotos für Instagram gedacht sind, wechsle ich in Lightroom oft auf das 4:5 Format. Es ist das vertikale Standardmaß, das den Bildschirm am besten ausfüllt. Es zwingt mich, die Komposition neu zu denken. Plötzlich muss ich oben oder unten etwas wegnehmen. Da hilft mir mein Blick als Illustratorin: Wenn ich hier schneide, verliere ich die Lichtkante am Grashalm? Wenn ja, dann bleibt das Format eben breiter. Ich habe auch schon Fotos im RAW-Format gerettet, bei denen ich dachte, der Bildausschnitt sei völlig misslungen, nur weil ich in der Nachbearbeitung die Perspektive mit dem Transformieren-Werkzeug leicht korrigiert habe.
Der Goldene Schnitt und das Bauchgefühl
Man kommt nicht ganz um ihn herum, den Goldenen Schnitt. Diese magische Zahl von etwa 1.618, die überall in der Natur vorkommt. Auch in Lightroom kann man sich dieses Raster anzeigen lassen. Es ist organischer als die Drittel-Regel. Es fühlt sich eher wie eine Schnecke an, die sich ins Bild rollt. Während der ersten warmen Tage im April habe ich eine Familie am Galgenberg fotografiert. Das Licht war hart, die Schatten lang. Ich habe versucht, die Gesichter genau in diese Spirale zu legen. Es sah gut aus. Aber wisst ihr, was besser aussah? Das Foto, bei dem ich alles ignoriert und die Mutter mit ihrem Baby ganz an den äußersten Rand geschoben habe.
Ein kleiner Tipp von mir: Wenn du merkst, dass du zu lange an einem Ausschnitt herumschiebst, mach eine Pause. Geh in die Küche, koch dir einen Tee. Wenn du zurückkommst, siehst du das Bild wieder als Ganzes, nicht als Ansammlung von Pixeln. Ich merke oft, dass mein erster, intuitiver Schnitt der beste war. Der, der sich wie eine Skizze anfühlte.

Mut zur Mitte und der Moody-Look
Drei Wochen war es her, da hatte ich einen Auftrag in Glaucha. Ein altes Backsteinhaus, Hinterhof-Romantik. Ich habe dort mit dem „Moody“ Preset aus meinem Paket experimentiert. Diese dunkleren, erdigen Töne verlangen oft nach einer ganz anderen Bildsprache. Hier habe ich den Mut gefunden, Motive knallhart mittig zu platzieren. Normalerweise gilt das als langweilig. Aber mit dem richtigen Licht und einem tiefen Schatten im Hintergrund erzeugt Symmetrie eine unglaubliche Intimität. Es wirkt fast wie eine Ikone oder eine klassische Illustration in einem Märchenbuch.
Ich habe festgestellt, dass der „Moody“ Look oft dann am besten funktioniert, wenn der Bildausschnitt sehr ruhig ist. Wenig Ablenkung am Rand. Keine angeschnittenen Autos oder Mülltonnen, die man im Paulusviertel ja leider oft im Bild hat. Da nutze ich dann doch mal das Freistellungs-Werkzeug, um diese störenden Elemente radikal zu eliminieren. Wenn ich das zeichnen würde, würde ich den Stromkasten ja auch einfach weglassen. In Lightroom ist der Beschnitt mein Radiergummi.
Fazit: Das Gefühl gewinnt
Am Ende des Tages ist das „Lichtbildlabor“ für mich ein Ort des Ausprobierens. Ich bin keine Hochzeitsfotografin, die 2000 perfekte Bilder abliefern muss. Ich suche das eine Bild, das hängen bleibt. Wenn ich das Tagebuch für heute schließe, bleibt die Erkenntnis: Der beste Bildausschnitt ist der, der sich wie die Erinnerung anfühlt. Nicht der, der in ein Lehrbuch passt. Wenn ich meine Bilder bearbeite wie gemalt, dann gehört dazu auch die Freiheit, Regeln zu brechen. Wenn ich das nächste Mal an der Saale stehe und die Kamera hochnehme, werde ich wieder kurz an das Gitter denken – und es dann lächelnd wegklicken. Weil das Leben im Paulusviertel auch nicht in Rastern stattfindet. Es passiert in den Zwischenräumen, in den schiefen Linien und in den Momenten, in denen die Füße eben mal abgeschnitten sind, weil das Lachen des Kindes viel wichtiger war.