
Spät am Nachmittag im Atelier im Paulusviertel. Das Licht fällt schräg durch die hohen Fenster meiner Hinterhof-Wohnung und zeichnet goldene Rechtecke auf den Dielenboden. Vor mir auf dem MacBook leuchtet das RAW-Bild eines lachenden Kleinkindes, das ich letzte Woche an den Saale-Wiesen fotografiert habe. Technisch ist es perfekt. Die Schärfe sitzt. Aber emotional? Es wirkt hart. Fast schon aggressiv digital. Jede Pore, jedes winzige Härchen wird von meiner Sony Alpha 6000 mit ihren 24,3 Megapixeln gnadenlos seziert. Es fühlt sich nicht nach einem Moment an, sondern nach einem Scan.
Ich schaue rüber zu meinen Aquarell-Skizzen an der Wand. Dort fließen Farben ineinander. Kanten sind Vorschläge, keine Befehle. In der Illustration suchen wir den Glow, das Atmosphärische. Und genau das fehlt diesem Foto. Das leise Summen des MacBook-Lüfters vermischt sich mit dem fernen Klingeln der Straßenbahnlinie 7, die unten am Paulusviertel vorbeifährt. Ich greife zur Maus und starre auf die Regler in Adobe Lightroom. Wenn das hier ein Pinselstrich wäre, würde ich jetzt mehr Wasser nehmen, nicht mehr Pigment.
Der Moment, in dem die Pixel zu laut schreien
Ich erinnere mich noch gut an mein Studium an der Burg Giebichenstein. In den Zeichenkursen haben wir gelernt, dass das Auge Details dort sucht, wo die Geschichte passiert, und den Rest gern im Ungefähren lässt. Digitale Fotografie macht das Gegenteil: Sie gibt allem die gleiche Wichtigkeit. Das ist das Problem mit dem Standard-Look. Er ist zu demokratisch mit der Schärfe.
Besonders bei den Familienbildern, die ich seit März 2024 mache, stört mich das. Kinder sind weich. Licht an der Saale ist oft diffus. Wenn ich dann die Dateien aus der Kamera ziehe, sehen sie auf dem großen Schirm fast schon unnatürlich sauber aus. Die Herausforderung ist, diese digitale Reinheit zu brechen, ohne dass das Bild am Ende aussieht, als hätte ich Vaseline auf das Objektiv geschmiert. Es geht um die Balance zwischen Definition und Träumerei.

Warum meine Sony Alpha 6000 manchmal zu ehrlich ist
Die Sony Alpha 6000 ist ein Arbeitstier. Ihr APS-C Sensorformat mit den Maßen 23,5 x 15,6 mm liefert eine Detailtiefe, die für meine Illustrationen toll ist, wenn ich Texturen einscanne. Aber bei einem Porträt in der Saale-Aue? Da brauche ich diesen harten Realismus oft gar nicht. Letzte Woche beim Sichten der Saale-Bilder fiel mir wieder auf: Die Kamera sieht Dinge, die ich gar nicht gefühlt habe.
Ein warmer Nachmittag im Juni war das. Das Licht war perfekt, aber die Bilder wirkten im Lightroom-Import blass und gleichzeitig überscharf. Ich hatte damals diesen Lightroom-Kurs angefangen, aber nach Modul 4 abgebrochen. Die wollten mir erklären, wie man den Kontrast maximiert. Aber ich will keinen maximalen Kontrast. Ich will eine Tonalität, die an ein Kinderbuch erinnert. Ich will, dass das Licht die Formen umfließt, statt sie hart auszuschneiden.
An manchen Tagen, wenn das Licht an der Saale besonders eigenwillig ist, merke ich, warum ich für meine Familienporträts an der Saale meistens Moody Presets wähle – sie fangen die Schwere des Wassers und die Sanftheit der Schatten oft viel besser ein als die knalligen Standard-Einstellungen. Aber selbst das beste Preset braucht Feintuning bei der Textur.
Clarity vs. Texture: Wasserfarben-Glow und Büttenpapier-Haptik
In Lightroom gibt es dieses Trio: Struktur, Klarheit und Dunst entfernen. Für mich als Illustratorin sind das eigentlich Pinsel-Eigenschaften. Der Regelbereich von -100 bis +100 bietet unendlich viel Raum für Fehler. Anfangs habe ich den Fehler gemacht, einfach alles weichzuzeichnen. Das Ergebnis? Matsch. Das Bild verlor seine Seele.
Nach etwa drei Monaten Experimentieren habe ich meine eigene Logik gefunden. Negative Klarheit (Clarity) ist mein Wasserglas. Wenn ich den Regler nach links schiebe, erzeuge ich einen Glow in den Mitteltönen. Es ist, als würde ich eine Lasur über das Bild legen. Die harten Kanten der Lichtkante werden weicher. Das Licht beginnt zu strahlen, fast wie bei einem Aquarell, bei dem das Weiß des Papiers durch die Farbe leuchtet.
Struktur (Texture) hingegen ist für mich die Haptik des Papiers. Während Klarheit die großen Flächen beeinflusst, kümmert sich Struktur um die feinen Details. Wenn ich die Struktur leicht erhöhe, behalte ich die Textur der Haut oder des Stoffes bei, selbst wenn ich die Klarheit senke. Es ist wie eine feine Tuschezeichnung auf grobem Büttenpapier: Die Linienführung bleibt erkennbar, aber die Flächen bleiben weich.

Der Trick mit den Schatten: Struktur gegen den Matsch
Hier kommt mein kleiner „Illustratorinnen-Kniff“, den ich so in keinem Tutorial gesehen habe. Oft wird gesagt: Willst du es sanft, schiebe alles nach links. Ich sage: Nein. Wenn man Klarheit und Struktur konsequent senkt, bekommt man diesen typischen, billigen Weichzeichner-Look. Das sieht nicht künstlerisch aus, sondern nach einem schlechten Filter.
Mein Ansatz ist contrarian: Ich senke die Klarheit global für das ganze Bild (oft so auf -15 bis -25), um diesen malerischen Grundton zu bekommen. Aber dann nutze ich das Maskierungs-Werkzeug und erhöhe die Struktur gezielt in den dunklen Bildbereichen – in den Schatten der Haare, in den tiefen Falten der Kleidung oder dort, wo das Kind das Gras berührt. Warum? Weil ein Aquarell Tiefe durch dunkle, definierte Akzente bekommt. Wenn die Schatten matschig werden, verliert das Bild seine räumliche Komposition. Eine gezielte lokale Erhöhung der Struktur in den Schatten verhindert den „Matsch-Look“ und lässt das Bild trotz der Weichheit lebendig und real wirken.
Das ist ein bisschen so, wie wenn ich bei einer Illustration am Ende mit einer feinen Feder noch ein paar dunkle Akzente in die nassen Farbflächen setze. Es gibt dem Auge Halt. Wer mehr über solche feinen Korrekturen wissen möchte, sollte sich ansehen, wie man störende Elemente in Lightroom entfernen kann, ohne die malerische Ruhe des Hintergrunds zu zerstören.
Ein Eintrag ins Lichtbildlabor-Tagebuch
Ein verregneter Vormittag im August. Ich sitze wieder im Atelier, der Kaffee ist schon fast kalt. Ich habe gerade die Serie von M. fertig bearbeitet, die wir auf der Peißnitzinsel gemacht haben. Ich habe diesmal fast gar nicht auf die Histogramme geschaut, sondern nur auf das Gefühl der Oberflächen.
Mein heutiger Eintrag im Lichtbildlabor-Tagebuch: „Warum 'unscharf' manchmal ehrlicher ist als 'gestochen scharf'.“ Ich habe gelernt, dass die Sony Alpha 6000 zwar jedes Detail liefert, ich als Künstlerin aber entscheiden muss, welche Details ich dem Betrachter wieder wegnehme. Die Kombination aus negativer Klarheit für den Glow und positiver Struktur in den Schatten ist mein neuer Standard für diesen Familien-Lifestyle-Look geworden. Es fühlt sich jetzt weniger nach Fotografie an und mehr nach dem, was ich an der Burg gelernt habe: Bilder zu bauen, die eine Geschichte erzählen, statt nur einen Zustand zu dokumentieren.
Vielleicht ist das der Grund, warum meine Kunden aus dem Paulusviertel diese Bilder mögen. Sie sehen nicht aus wie aus dem Studio mit Blitzanlage. Sie sehen aus wie eine Erinnerung, die im Laufe der Zeit ein bisschen weicher geworden ist, aber deren Kern immer noch scharf und klar im Herzen sitzt. Ein bisschen wie ein Aquarell, das man Jahre später wieder aus einer Mappe zieht.