Farbstiche in Lightroom korrigieren für natürliche Familienfotos im Freien

Farbkorrektur in Lightroom für natürliche Familienfotografie im Freien: Grünstich durch Gras auf der Peißnitzinsel entfernen

Grünstich auf der Wange, mitten im Gesicht – kein Sonnenbrand, sondern reflektiertes Gras von der Peißnitzinsel. Die einjährige Tochter meiner Freundin sieht auf dem Bildschirm für eine Sekunde aus wie eine kranke Waldfee, giftgrün in den kleinen Fältchen unter den Augen. Wir waren spätnachmittags dort, das Gras stand hüfthoch, die Sonne kam noch mal richtig durch. Genau das Licht, das ich für Familienfotografie im Freien liebe – und genau das Licht, das mir in Lightroom jedes Mal denselben Ärger macht. Diese Art von Farbkorrektur gehört inzwischen fest zu meinem Lightroom-Workflow, sobald ein Outdoor-Shooting ansteht: erst freuen, dann rausrechnen.

Grünstich vom hohen Gras: Farbkorrektur auf der Peißnitzinsel

Als Illustratorin denke ich in Pigmenten, nicht in Kelvin-Werten. Wenn ich ein Gesicht male, mische ich Ocker, ein wenig Kadmiumrot und viel Wasser – kommt zu viel Grün rein, wird die Mischung schmutzig statt lebendig. In der Fotografie passiert dasselbe, nur mischt das Licht die Farbe für mich, ob ich will oder nicht. Das hohe Gras der Peißnitzinsel wirkt wie ein riesiger grüner Reflektor, der von unten ins Gesicht strahlt. Meine alte Sony Alpha 6000 aus dem Studium schafft es nicht, das allein wegzurechnen, und liefert die Datei flach und leicht grünstichig ab.

Am Anfang habe ich versucht, das mit dem Weißabgleich-Regler zu lösen. Etwas mehr Magenta, etwas mehr Wärme – und plötzlich war der ganze Hintergrund matschig braun, das Kind sah aus, als hätte es Sonnenbrand bekommen. Kein Wunder, dass ich mich lieber aufs Gefühl verlasse als auf ein festes Schema: Ich muss ein Bild erst spüren, bevor ich überhaupt einen Regler anfasse. Schritt für Schritt nach Lehrbuch vorgehen ist einfach nicht meine Art zu arbeiten, auch wenn ich weiß, dass andere damit gut fahren.

Lightroom-Workflow beim Outdoor-Shooting: Regler zur Farbkorrektur von Farbstichen in der Familienfotografie im Einsatz

Der automatische Weißabgleich und seine Grenzen

Die Kamera will, dass alles neutral ist. Sie sieht das Weiß eines T-Shirts und rechnet es auf exaktes Weiß hoch, egal wie das Licht drumherum aussieht. Aber an einem Nachmittag auf der Peißnitzinsel ist nichts neutral – alles kippt Richtung Gold, Orange, tiefes Grün. Neutralisiere ich das komplett, verliert das Bild seine Stimmung, und genau die will ich behalten. Die Pipette für den Weißabgleich nutze ich höchstens als groben Startpunkt, danach ziehe ich den Temperatur-Regler von Hand dorthin, wo es warm wird – wie eine Aquarell-Lasur, bei der man Farbe in mehreren dünnen Schichten übereinanderlegt, bis die Lichtkante am Rand genau die Wärme hat, die ich will.

Mein „Trick" als Illustratorin: Ich verstärke den Farbstich der Sonne manchmal sogar, statt ihn zu korrigieren. Das gelbe Licht vom späten Nachmittag lasse ich stehen und gleiche nur im Gesicht ein wenig gegen, damit die Haut nicht komplett ins Orange kippt. Wie man gezielt nur den Hautton anhebt, ohne den Rest des Bildes zu verändern, ist noch mal ein eigenes Thema für sich – dazu habe ich an anderer Stelle mehr geschrieben. Hier reicht mir der Hinweis: Ein Bild muss nicht neutral aussehen, es muss sich richtig anfühlen.

Presets als Grundierung, nicht als Endlösung

Seit September nutze ich ein Preset-Paket für Reise- und Landschaftsfotografie, umfunktioniert für Familienporträts, und der „Natural"-Look darin trifft für mich genau die Tonalität, die ich sonst mit Aquarellfarbe mische, noch bevor ich überhaupt an den Reglern war. Wie eine Grundierung auf der Leinwand: Sie ebnet die Fläche, bevor die eigentliche Arbeit beginnt. Welcher Look – Cinematic, Moody oder Natural – zu welcher Stimmung passt, ist wieder so ein Kapitel für sich, das den Rahmen hier sprengen würde. Für die Peißnitzinsel im Nachmittagslicht reicht mir meistens Natural als Basis, alles andere kommt danach von Hand.

Das Fundament ist aber nur die halbe Miete. Ob ich beim Feintuning überhaupt genug Spielraum habe, hängt auch am Dateiformat, und RAW oder JPEG für Familienfotos ist da inzwischen eine Grundsatzfrage für mich, die ich an anderer Stelle ausführlicher durchgekaut habe. Ohne RAW-Datei biegt sich bei starken Farbstichen kaum noch etwas, ohne dass das Bild sichtbar zu brechen anfängt.

Bei einem Shooting im Frühling habe ich versucht, den „Moody"-Look über ein Foto in praller Mittagssonne zu bügeln. Sah furchtbar aus, die Farben wurden dreckig statt stimmungsvoll. Manche Lichtsituationen sind einfach nicht für Farbe gemacht, egal wie gut das Preset ist. An solchen Tagen werfe ich die Farbe komplett raus. Ich habe mal aufgeschrieben, warum ich Schwarz Weiß Fotos in Lightroom wie Tuschezeichnungen bearbeite, und das rettet öfter ein Bild, als mir lieb ist.

Ohne Preset-Basis habe ich mich wochenlang verzettelt

Bevor ich mir das Preset-Paket zugelegt habe, habe ich jedes Foto einzeln von null an bearbeitet, ganz ohne Preset-Grundlage. Weißabgleich hier, Kontrast da, für jedes einzelne Bild wieder von vorn, weil ich dachte, so hätte ich mehr Kontrolle. Das Ergebnis: zwei Fotos vom selben Nachmittag, nebeneinander auf dem Bildschirm, und sie passten farblich überhaupt nicht zusammen. Für eine Illustratorin, die sonst auf Konsistenz in der Linienführung achtet, war das kaum auszuhalten. Diese Methode hat mich Wochen gekostet und am Ende trotzdem uneinheitliche Serien produziert.

Inzwischen gehe ich andersherum vor: erst die Preset-Grundierung drüber, danach nur noch gezielt eingreifen, wo es wirklich nötig ist. Grün und Gelb in der Sättigung etwas zurücknehmen, wenn die Wiese zu giftig wirkt. Blauschatten unter den Bäumen bekommen im Color-Grading-Tool eine Prise Gold in die Tiefen, damit sie nicht so kalt wirken – wie hart oder weich so ein Schatten grundsätzlich ausfällt, ist noch mal eine andere Geschichte, die ich woanders ausführlicher erzähle. Und manchmal hilft schon ein engerer Bildausschnitt mehr als jede Farbkorrektur: Wie man den Bildausschnitt wählen kann, ohne sich an starre Regeln zu halten, ist noch mal ein eigenes Thema.

Acht Wochen weiter: So hat sich der Workflow verändert

Acht Wochen arbeite ich jetzt mit dieser Reihenfolge – erst Preset, dann gezielte Korrektur –, und ich merke das vor allem daran, wie selten ich noch komplett von vorne anfangen muss. Bei einem Zwillings-Shooting letzte Woche bin ich beim zweiten Durchgang durch die Bilder näher an den Bildschirm gerückt, der alte Eichenstuhl knarzte, als ich mich nach vorne lehnte, weil mir das Licht auf einem der beiden Gesichter komisch vorkam. Testweise habe ich zum zweiten Preset gewechselt, nach ein paar Minuten wieder zurück zum ersten – und beide Gesichter wirkten sofort stimmiger, ohne dass ich noch einen einzigen Regler zusätzlich anfassen musste. Die Freundin, deren Tochter ich damals zuerst fotografiert habe, läuft übrigens jeden Morgen die Saale-Route bis zur Elisabethbrücke; sie hat mir mal erzählt, dass sie beim Laufen genau auf solche Lichtwechsel achtet, lange bevor ich überhaupt eine Kamera besessen habe.

Es geht am Ende nicht um die technisch perfekte Korrektur, sondern darum, den Farbstich so zu biegen, dass er die Geschichte erzählt, die ich im Kopf ohnehin schon skizziert habe, bevor ich überhaupt ausgelöst habe. Bildbearbeitung für Künstlerinnen wie mich heißt eben auch: der Software nicht die letzte Entscheidung über eine Farbe überlassen. Wer diesen Punkt einmal für sich gefunden hat, kann mit Lightroom Bilder bearbeiten wie gemalt – und genau darum geht es mir bei jedem Shooting auf der Peißnitzinsel.