Weißabgleich bei Sonnenuntergang für natürliche Hauttöne in Lightroom anpassen

Weißabgleich bei Sonnenuntergang für natürliche Hauttöne in Lightroom anpassen

Eines Abends Ende Juni stand ich an den Saale-Wiesen. Das Licht war dieser Traum von flüssigem Gold, den man als Illustratorin eigentlich sofort mit dem dicken Aquarellpinsel einfangen will. Die kleine Tochter meiner Bekannten tapste durch das hohe Gras, und ich hielt mit meiner Sony Alpha 6000 drauf. Durch den Sucher sah alles magisch aus. Aber dann der Blick auf das Display: Das Gesicht des Kindes leuchtete in einem fast schon giftigen Neon-Orange. Wie eine Karotte. Ein technischer Albtraum im goldenen Gewand.

Das Karotten-Problem: Wenn die Goldene Stunde kippt

Zurück in meinem Atelier im Paulusviertel saß ich vor dem MacBook. Draußen sangen die Amseln im Hinterhof, aber ich starrte nur auf dieses grelle iPad-Licht auf meinem Zeichentisch, das sich mit dem Bildschirmlicht mischte. Ich öffnete Lightroom und legte mein geliebtes „Natural“-Preset über die Bilder. Ein Klick, der sonst fast immer funktioniert. Diesmal nicht. Das Gefühl von Frust war sofort da – dieses Preset, für das ich letztes Jahr Geld ausgegeben hatte, verwandelte die sanften Hauttöne in ein unnatürliches Sonnenbrand-Szenario.

Das Problem bei Sonnenuntergängen ist die extreme Farbtemperatur. Wir reden hier von etwa 3000 Kelvin. Das ist physikalisch gesehen wunderbar warm, aber für den Kamerasensor oft zu viel des Guten. Meine Sony liefert mit ihren 24,3 Megapixeln zwar ordentlich Daten, aber die Automatik weiß bei diesem Licht einfach nicht, wohin mit dem ganzen Gelb und Rot. Das Bild wirkt nicht mehr warm, sondern „dreckig“. Die Lichtkante im Haar war toll, aber im Gesicht fehlte jede Zeichnung.

Nahaufnahme der Lightroom-Regler für Weißabgleich und Farbtemperatur auf einem MacBook-Bildschirm.

Intuition statt Curriculum: Weißabgleich wie Farbenmischen

Ich habe ja diesen Lightroom-Kurs nach Modul 4 abgebrochen. Diese linearen Erklärungen, warum man welchen Regler wohin schieben muss, haben mich wahnsinnig gemacht. Ich arbeite lieber wie an der Staffelei. Wenn mein Aquarell zu gelbstichig wird, nehme ich ein wenig Violett oder Blau dazu, um es zu neutralisieren. In Lightroom ist das der Weißabgleich-Regler.

Hier zeigt sich die Stärke des 12-bit RAW-Formats meiner alten Akademie-Kamera. Im Gegensatz zu JPEGs kann ich den Weißabgleich nachträglich komplett verlustfrei verbiegen. Ich schob den Temperatur-Regler also vorsichtig Richtung Blau. Aber Vorsicht: Geht man zu weit, stirbt die Abendstimmung. Das Bild wird fahl, wie ein grauer Novembertag am Steintor. Es ist eine Gratwanderung. Ich suchte die Balance, bei der die Wärme in der Umgebung bleibt, aber die Haut nicht mehr glüht. Oft hilft es mir, Belichtung und Kontrast in Lightroom intuitiv wie eine Illustration zu bearbeiten, bevor ich mich im Detail in den Farben verliere.

Der Aha-Moment: Die Tönung und das Saale-Ufer-Grün

Mitte Juli, bei der Bearbeitung des dritten Shootings an der Saale, begriff ich etwas Entscheidendes. Es ist nicht nur die Temperatur (Gelb/Blau). Es ist die Tönung (Grün/Magenta). Wenn wir im hohen Gras an der Saale-Aue fotografieren, reflektiert das Grün der Wiese in die Schatten der Haut. Das ergibt zusammen mit dem Orange der Sonne einen ganz seltsamen, fast kränklichen Teint.

Ich fing an, den Tönungs-Regler ein Stück mehr in Richtung Magenta zu ziehen. Nur ein Hauch. Plötzlich verschwand dieser olivfarbene Schleier aus den Wangen des Kindes. Es ist wie beim Korrigieren von Farbstichen – man muss den Gegenpol finden. Ich habe früher schon darüber geschrieben, wie man Farbstiche in Lightroom korrigieren für natürliche Familienfotos im Freien kann, aber bei Sonnenuntergängen ist es noch mal eine ganz eigene Disziplin.

Detailansicht des Color Grading Farbrads in Lightroom zur Korrektur von Hauttönen.

Mein Illustratorinnen-Trick: Orange entsättigen

Hier kommt mein eigentlicher Kniff, den ich mir aus der Malerei abgeschaut habe. Anstatt den gesamten Weißabgleich kälter zu machen (was das goldene Licht der Umgebung zerstört), lasse ich die Wärme im Bild, kümmere mich aber gezielt um die Hautfarben. Das mache ich über das Farbmisch-Panel oder noch lieber über die Teiltonung (jetzt Color Grading genannt).

Ich nehme mir die Orange-Töne vor und ziehe die Sättigung ein Stück zurück. Gleichzeitig erhöhe ich die Luminanz von Orange ein wenig. Das wirkt wie ein Aufheller von innen. Die Haut verliert diesen „Sonnenbrand-Look“, behält aber die Leuchtkraft. Es ist ein bisschen so, als würde ich eine Lasur über eine Zeichnung legen, um die grellen Töne zu dämpfen, ohne die Tonalität darunter zu verändern. Wer Farben in Lightroom anpassen für harmonische Familienfotos wie in der Malerei möchte, muss lernen, Farben selektiv zu betrachten.

Warum der Automatik-Modus fast immer scheitert

Während der Hitzewelle letzte Woche saß ich wieder spätabends am Rechner. Die Luft im Paulusviertel stand still. Ich merkte, dass mein Workflow sich verändert hat. Ich klicke nicht mehr wild durch die Presets „Cinematic“ oder „Moody“, sondern ich schaue mir zuerst die Lichtkante an. Wo kommt das Licht her? Welche Farbe hat der Schatten? Wenn die Schatten zu blau werden (was bei tiefstehender Sonne oft passiert), gebe ich dort wieder ein bisschen Wärme hinein, während ich die Lichter – also die Haut – kontrolliert entsättige.

Am Ende ist es genau das, was ich im Studium an der Burg gelernt habe: Beobachten. Nicht das nachmachen, was im Handbuch steht, sondern das, was das Auge fühlt. Ein natürlicher Hautton bei Sonnenuntergang darf warm sein, er muss es sogar. Er darf nur nicht schreien. Mein Lichtbildlabor-Tagebuch füllt sich langsam mit diesen kleinen Erkenntnissen. Es ist kein systematisches Lernen, es ist ein Herantasten. Wie eine Skizze, die mit jedem Strich, mit jedem Schieberegler in Lightroom ein Stück mehr Tiefe bekommt.